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«Gemeinschaft und Sicherheit – das ist Lebensqualität»

Jana Salat ©Malina Grubhofer/CIPRA International

Jana Salat ist Lektorin am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien und erforscht im Rahmen der «Anthropologie des Glücks» die gesellschaftliche und kulturelle Dimension von Glück.

Ob wir glücklich sind, hängt massgeblich von der Gesellschaft ab, in der wir leben. Kultur- und Sozialanthropologin Jana Salat über unsere Suche nach dem Glück – ob in der grossen Welt oder in einer kleinen Alpengemeinde.

Frau Salat, ist unsere Gesellschaft glücklich?

Glück ist grundsätzlich etwas Persönliches, etwas, das ich selbst spüren muss. Die Gesellschaft an sich kann kein Glück empfinden. Gesellschaft, vor allem im Sinne von Gemeinschaft, kann aber dazu führen, dass ich mich glücklich fühle. Es ist eine Eigenheit unserer westlich-europäischen Gesell¬schaft und Kultur, dass wir das Glück benennen und nach dem Benannten streben. Wir wollen alle immer glücklich sein. Darum boomen ja auch die Glücksforschung, die Glücksratgeber, die Glücksseminare. Es gibt viele Gesellschaften auf unserer Welt, in denen das nicht der Fall ist.

Welche Bedeutung hat die Gesellschaft für unser persönliches Glück? 

Glücksmodelle weltweit zeigen uns, dass ein gutes soziales Umfeld als wesentlicher Faktor eines glücklichen Lebens angesehen wird. Ein bekanntes Modell ist die Maslow’sche Bedürfnispyramide. In ihr werden soziale Be¬ziehungen, also das Zwischenmenschliche, als menschliches Grundbedürfnis definiert. Ebenso wie Sicherheit. Ob ich mich sicher fühle, hängt vom sozialen Umfeld und von der Gesellschaft ab, in der ich lebe. Wir reden hier nicht von Glück als grosses Glücksempfinden, sondern von Glück im Sinne von sich wohl fühlen.

Immer mehr Menschen leben in Städten. Heisst das, dass Menschen in Städten glücklicher sind?

Ich glaube, dass es ein Verlangen in den Menschen gibt, sich nach dem zu sehnen, was höher, besser wirkt. Ein Grund für die Landflucht ist, dass die Menschen glauben, etwas zu versäumen, und mit der Verbreitung der neuen Medien wird es immer schwieriger, dem Ruf nicht zu folgen. Ich glaube aber, dass wir beides in uns haben: einerseits den Drang nach Entwicklung, nach der weiten Welt, andererseits das Verlangen nach Sicherheit, Geborgenheit und Gemeinschaft. Letzteres finden wir eher in einer kleinen Gruppe als in der grossen Welt.

Was kann eine kleine Gemeinde in den Alpen bieten?

Es gibt Ansätze in der Evolutionstheorie, die besagen, dass unser Gehirn an der Kleingruppe orientiert ist und dass wir mit grossen Gruppierungen nur schwer umge­hen können. Daraus kann man schliessen, dass wir Menschen uns in einer kleinen Gruppe wohler fühlen als in der Anonymität einer grossen. Heute, im Zeitalter der Glo­balisierung, wo wir immer mehr anonyme Kontakte haben, gewinnen persönliche Be­ziehungen zunehmend an Bedeutung. Mir fällt das zum Beispiel in Wien auf: Hier gibt es überall diese «Gretzelbildungen», wo sich Leute dafür einsetzen, die Nachbar­schaft kennenzulernen und die Menschen zusammenzubringen. Ich kann mir vorstel­len, dass Dörfer in den Alpen hier ansetzen können, dieses «well feeling» in Personen zu erzeugen. Viele Dörfer in den Alpen bie­ten Gemeinschaft und Sicherheit – das ist Lebensqualität.

Malina Grubhofer, CIPRA International

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