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Gehen die Frauen, stirbt das Land

Welche Perspektiven haben Frauen in Randegionen? Blick auf San Romerio im Valposchiavo/CH. (c) Christoph Pünschner / Zeitenspiegel

Junge Frauen bringen Leben in die dörfliche Gemeinschaft. Doch die peripheren Regionen bieten ihnen kaum Entwicklungsmöglichkeiten. Sie wandern ab. Und gerade deshalb rücken sie zunehmend ins Blickfeld der Regionalentwicklung.

Welche Konsequenzen haben der wirtschaftliche Strukturwandel und demografische Veränderungen in alpinen Randregionen? Die Auseinandersetzung mit dieser Frage ist fester Bestandteil der Gemeinde- und Regionalentwicklung geworden. Vor allem junge Frauen rücken zunehmend ins Blickfeld: Sie übernehmen seit jeher strukturerhaltende Funktionen, indem sie zum Beispiel alte Menschen pflegen oder Kinder betreuen.
Da viele Frauen indes vermehrt ausser Haus arbeiten und oft weite Pendeldistanzen in Kauf nehmen müssen, fehlt ihnen die Zeit für diese für die Gemeinschaft und die gesellschaftliche und wirtschaftliche Vitalität wichtigen Aufgaben. Eine weitere Herausforderung ist, dass sich Frauen bei der Berufswahl oft nicht am regionalen Arbeitsplatzangebot orientieren und deshalb wegziehen. Dies führt zu strukturellen Verschiebungen im Altersaufbau der Heimatgemeinden. Zwar wurde erkannt, wie wichtig Frauen – vor allem junge – für die Gemeinde- und Regionalentwicklung sind. Wie man sie in den Entwicklungsprozess einbinden und ihre Anliegen berücksichtigen kann, ist aber nach wie vor ungewiss.

Lebenswelten verstehen


Bevor die Potenziale von Frauen genutzt werden können, muss man die Lebenswelten und Lebensrealitäten der jungen «Hoffnungsträgerinnen» verstehen. In Abhängigkeit von Lebenseinstellung und Lebensentwurf bestimmen – neben privaten Motiven – harte Standortfaktoren die Wohnortwahl: Ein passender Arbeitsplatz, der mit zumutbarem Aufwand erreichbar ist, und die Möglichkeit, gut und günstig zu wohnen, sind zwei der zentralen Anforderungen. Je nach Lebenssituation ist zudem ein gutes Angebot an Kinderbetreuungseinrichtungen entscheidend. Auch weiche Standortfaktoren, wie die Atmosphäre und der soziale Zusammenhalt in der Wohngemeinde oder naturräumliche Vorzüge, bestimmen das Bleibeverhalten mit. Je nachdem, welche Bedeutung den weichen Standortfaktoren beigemessen wird, variiert die Toleranz gegenüber infrastrukturellen Defiziten.
Manchmal entscheiden sich Frauen auch bewusst für eine Beschäftigung in einem klassischen Frauenberuf, wie Tourismus, Gastgewerbe, Verkauf oder Landwirtschaft, wo die Nachfrage auf regionalen Arbeitsmärkten nach wie vor gegeben ist, oder sie arbeiten Teilzeit. Dies erlaubt ihnen, die zeit- und ressourcenaufwändige Alltagsorganisation der Familien- und Erwerbsarbeit besser zu meistern. Auch im an Bedeutung gewinnenden Betreuungs- und Pflegebereich finden Frauen oft Arbeit.
Vor allem junge Frauen sind somit zu einer heterogen zusammengesetzten Personen- und Anspruchsgruppe geworden. Ihre unterschiedlichen Ausbildungs-, Erwerbs- und Wanderungsbiographien stellen vor allem strukturschwache periphere Landgemeinden mit wenig EinwohnerInnen und kleinen finanziellen Spielräumen vor grosse Herausforderungen.

Potenziale nutzen – aber wie?


Um die Potenziale von Frauen in alpinen Randregionen in Wert zu setzen, braucht es eine kritische Auseinandersetzung auf allen sachpolitischen Ebenen. Es muss danach gefragt werden, wo sich abseits klassischer Beschäftigungsfelder neue Erwerbsmöglichkeiten ergeben können, und welche Unterstützung es braucht, um diese zu etablieren. Damit auf lokaler und regionaler Ebene Ziele und Strategien formuliert und Potenziale genutzt werden können, ist die inner- und intergenerationelle Solidarität von Frauen (und Männern) unabdingbar. Sie muss – je nach Situation – aufgebaut oder gestärkt werden.
Wenn die politisch Verantwortlichen die ländliche Peripherie einmal «mit jungen Augen» betrachten und analysieren, könnte das dazu beitragen, das Bewusstsein für die herausfordernden Lebenssituationen von (jungen) Frauen in alpinen Randgebieten zu schärfen. Darauf aufbauend müssen mittels kooperativer Ansätze die Möglichkeiten und Grenzen der politischen Steuerung auf (klein-)regionaler Ebene erörtert werden. Als Grundlage für die Entwicklung zukunftsfähiger raumpolitischer Strategien bedarf es verlässlicher empirischer Erkenntnisse darüber, was ein «gutes Leben am Land» eigentlich ausmacht, und definierter Handlungsspielräume darüber, wo und wie sich Lebensentwürfe auch in der Peripherie verwirklichen lassen. Vielleicht gelingt es so, die Rat- und Hilflosigkeit der Politik aufzulösen und dazu beizutragen, den Entwicklungs­ansätzen ihren kosmetischen Charakter zu nehmen.

Tatjana Fischer
Universität für Bodenkultur, Wien/A

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Welche Identität wünschen sich Frauen?

Ein Trainingsprogramm sollte die Frauen des schweizerischen Val d’Anniviers unterstützen, Kleinstunternehmen zu gründen und zu führen und somit ihre wirtschaftliche Position zu stärken. Doch das Vorhaben misslang: Das Programm brachte keine einzige professionelle und gewinnbringende Unternehmung hervor.
Thierry Amrein, Sozialanthropologe an der Universität Fribourg, nennt in einem Beitrag in der «Revue de géographie alpine» den Grund für das Scheitern. Die Macher des parcoursArianna, so der Name des Programms, hatten fälschlicherweise angenommen, dass es ein vorrangiges Ziel der Frauen sei, sich beruflich zu emanzipieren. Die Frauen des Val d’Anniviers möchten aber grösstenteils etwas anderes, nämlich eine stärkere Anerkennung ihrer hauptsächlichen Tätigkeit und Identität als Hausfrauen und Mütter. Einige Frauen möchten zwar einer regelmässigen Erwerbsarbeit nachgehen, für sie ist es jedoch – wenig überraschend – schwierig, Hausarbeit, Familienleben und Erwerbsarbeit organisatorisch zu vereinbaren, da ihre Männer Vollzeit beschäftigt sind. Einen Erfolg konnte der parcoursArianna jedoch verbuchen: Die Frauen fanden Zeit und Raum, sich persönlich weiterzuentwickeln und sich ihrer Wünsche bewusst zu werden.  

http://rga.revues.org/1974 (fr/en)

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