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Ein regionales Austauschsystem

Nachhaltig bewirtschaftete Bergwiesen sind gut für Menschen, Tiere und Pflanzen. (c) Markus Jenni

Um die biologische Vielfalt zu sichern, müssen die Leistungen der Natur besser in Wert gesetzt werden. Dies bedingt eine verstärkte territoriale Zusammen­arbeit, vor allem zwischen Metro­polen und Berggebieten. Darauf zielt die CIPRA ab mit ihrer Beteiligung an internationalen Aktivitäten.

Der Sommer geht zu Ende. Urlauber aus Berlin, Briançon, Zürich, Malbun oder Bovec haben in der warmen Jahreszeit auf ihren Wanderungen in den Alpen blühende Wiesen, Wälder und Bergbäche bewundert. Die meisten von ihnen haben sich vermutlich keine Gedanken darüber gemacht, dass diese Wunder der Natur neben ihrem ästhetischen Wert auch eine Vielzahl wertvoller Leistungen für die Bevölkerung in Mitteleuropa erbringen. Diese «Ökosystemleistungen» bezeichnen den Nutzen, den die Menschen aus den Ökosystemen ziehen und der ihre Lebensqualität stark beeinflusst. Reine Luft und sauberes Wasser, CO2-Speicher, Schutz vor ­Naturgefahren, Erholungsraum und erneuerbare Energiequellen: Das sind nur einige der Leistungen, die von der alpinen Natur erbracht werden. Je intakter und «gesünder» die Ökosysteme sind, desto vielfältiger und umfangreicher sind ihre Leistungen. Die natürlichen Prozesse brauchen Zeit und Raum, um sich entfalten zu können. Und die biologische Vielfalt muss erhalten werden.

Alles gratis?

Von den Leistungen der alpinen Ökosysteme profitieren die Menschen in den Alpen und darüber hinaus, besonders in den grossen Städten am Alpenrand. Sowohl die Alpen- wie auch die Stadtbewohnerinnen und -bewohner gehen davon aus, dass Ökosystemleistungen kostenlos sind. Die einen wie die anderen tragen in unterschiedlicher Weise dazu bei, dass immer mehr Ökosysteme beschädigt oder zerstört werden. Wirtschaftliches Wachstum ist und bleibt das Hauptziel der öffentlichen Politik und Verwaltung, was häufig den Druck auf die alpinen Ökosysteme erhöht. Weltweit sind 60 Prozent der Ökosysteme gefährdet und in den Alpen drohen 45 Prozent der Pflanzenarten bis zum Jahr 2100 auszusterben.
Berggemeinschaften betrachten Naturschutz häufig als Hindernis für die (wirtschaftliche) Entwicklung und geben neuen Infrastrukturen den Vorzug. Oft wird der Schutz der Natur als kostspielige Aufgabe ­betrachtet, die nichts einbringt. Bevölkerung und Entscheidungs­trägerInnen von städtischen Gebieten indessen sind weit entfernt und fühlen sich nicht verantwortlich für den Erhalt der Bergökosysteme.
Verschiedene internationale Programme helfen, Ökosysteme und ihre Leistungen besser zu verstehen und ihren ökonomischen Wert stärker zu würdigen. Im Rahmen des Projekts recharge.green geben die CIPRA und ihre Partner den öffentlichen Verwaltungen Werkzeuge an die Hand, mit denen sie die Kosten der erneuer­baren Energieproduktion objektiv bewerten und anderen Ökosystemleistungen gegenüberstellen können. Obwohl es mitunter schwierig ist, den Wert dieser Leistungen in Euro oder Franken zu beziffern, können diese Methoden dennoch dazu beitragen, dass die Leistungen der Natur in der öffentlichen Politik stärkere Beachtung finden. Sie tragen dazu bei, EntscheidungsträgerInnen für die Ökosystemleistungen zu sensibilisieren und ebnen weniger zerstörerischen Nutzungsformen den Weg.
Die Partner des Projekts greenAlps – darunter die CIPRA – drängen darauf, dass die Logik der nachträglichen Wiedergutmachung von Umweltschäden durch ein System der Bewertung und Bezahlung von Ökosystemleistungen ersetzt wird. Denn der Erhalt der Ökosysteme spart langfristig Kosten und erhöht den Wohlstand. Ein Flussökosystem in naturbelassenem Zustand zum Beispiel macht aufwändige Hochwasserschutzbauten überflüssig.

Kooperation auf Augenhöhe

Der Ökosystemansatz ermöglicht einen anderen Blick auf die Verteilung von Wohlstand, Verantwortung und Aufgaben. Er hilft, die Berggebiete nicht einfach nur als benachteiligte Regionen zu sehen, die subventioniert werden müssen. Die Berggebiete und ihre Ökosysteme erbringen Dienstleistungen von hohem Wert, die genauso vergütet werden müssen wie die von den Städten bereitgestellten Dienstleistungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Erreichbarkeit.
Die Projektpartner von greenAlps sind der Ansicht, dass zur besseren Inwertsetzung und Verwaltung von Ökosystemleistungen eine verstärkte bereichs- und gebietsübergreifende Zusammenarbeit verschiedener Akteure im Rahmen von «Arbeitsregionen» notwendig ist. Den öffentlichen Verwaltungen kommt dabei eine Schlüsselrolle als Bindeglied zwischen ExpertInnen und Nichtregierungsorganisationen, PolitikerInnen und LobbyistInnen zu.
Beispiele für die Kooperation zwischen Alpenstädten und Berg­gebieten gibt es bereits, so zwischen den Pilotregionen des ökologischen Verbunds der Alpenkonvention, den LEADER-Regionen oder den regionalen Naturparks und ihres Einzugsgebiets. Allerdings fehlt es in den Alpen noch an geeigneten Strukturen und Instrumenten für die Zusammenarbeit mit den umliegenden Metropolen. Die europäische Strategie für den Alpenraum könnte ein Schritt in diese Richtung sein, da sie die gleichberechtigte Zusammenarbeit der Kerngebiete und der Metropolen sowie die Erhaltung der Ökosysteme und ihrer Leistungen als Grundsätze formuliert.

Claire Simon
CIPRA International


www.recharge-green.eu
www.greenalps-project.eu (en)

Quelle und weitere Informationen: www.cipra.org/szenealpen