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Die unsichtbare Hand der Frauen

Fluchthütte für Bergwanderer von Charlotte Perriand und Pierre Jeanneret, 1938 (c) Caue de Haute-Savoie

Frauen tun sich schwer, in der Architektur Fuss zu fassen und wahrgenommen zu werden. Gerade im Berggebiet lässt sich die meist freiberuflerische Tätigkeit schlecht mit Familienarbeit verbinden.

Charlotte ist 24 Jahre alt, nimmt all ihren Mut zusammen und sucht das Architekturbüro in der Rue de Sevres 35 in Paris auf, um sich bei dem Schweizer Architekten Charles Jeanneret als Designerin zu bewerben. «Hier werden keine Kissen gestickt.» Mit dieser knappen Antwort weist Jeanneret ihr die Tür.
Das war 1927. Charles Jeanneret wurde später als Le Corbusier bekannt und Charlotte Perriand machte sich einen Namen als aufgeklärte Vertreterin des avantgardistischen Designs, die die Ästhetik des Wohnens revolutionierte und Stahl und Glas in der Innengestaltung einführte.
Charlotte Perriand war nicht die Einzige, die sich schwer tat, beruflich Fuss zu fassen. Ab 1914 hatten Frauen in vielen europäischen Ländern Zugang zu freien Berufen, aber die erste Frau, die den seit 1979 verliehenen Pritzker-Preis für Architektur erhielt, war Zaha Hadid im Jahr 2004. Die Zahl der Architektinnen, die in den Berufsverbänden eingetragen sind, liegt im Durchschnitt ein Drittel unter der Zahl der männlichen Kollegen.


Warum verschwinden die Architektinnen?

Ein zentrales Problem ist sicher nach wie vor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Jahre, in denen man Zeit in den Beruf investieren muss, sind eben auch die Jahre, in denen die meisten Frauen eine Familie gründen. Vor allem im ländlichen Raum und in Berggebieten ist das Kinderbetreuungsangebot oft unzureichend. Teilzeitstellen sind rar, von Frauen geleitete Architekturbüros sind häufig klein oder Ein-Frau-Betriebe, und erfüllen die Mindestanforderungen für die Teilnahme an grossen Wettbewerben nicht. In den Wettbewerbsjurys sitzen gewöhnlich sehr wenige Frauen, so dass bei der Bewertung der Projekte die männliche Sichtweise dominiert (siehe Grafik).
In Österreich haben Frauen Anspruch auf drei Jahre Mutterschaftsurlaub. Trotzdem weist das Land unter den Alpenländern mit 18 Prozent den zweitniedrigsten Frauenanteil bei den Architekten auf. Den geringsten Anteil verzeichnet die Schweiz mit 12 Prozent. Den höchsten Anteil hat Slowenien mit 56 Prozent, gefolgt von Deutschland mit 43, Italien mit 38 – was dem europäischen Mittelwert entspricht – und Frankreich mit 33 Prozent. Eine grosse Ungleichheit besteht in allen Ländern bei der Bezahlung von Frauen und Männern: Von Frankreich bis Slowenien verdienen Frauen ein Drittel bis die Hälfte weniger als ihre männlichen Kollegen.
Viele Frauen, auch in den Alpen, haben kreative Lösungen gefunden, um die Schwierigkeiten zu meistern. Sie haben sich zusammengeschlossen und vernetzt, um ihre Position in den Berufsverbänden zu stärken oder um Aufträge und Kapazitäten durch die Zusammenarbeit auf Plattformen zu koordinieren. Ein Beispiel dafür ist der Ziviltechnikerinnen-Ausschuss der Kammer der Architekten und Ingenieur­konsulenten für Tirol und Vorarlberg, der sich regelmässig trifft und die weibliche Sichtweise als kreativen Beitrag zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen einbringen will.
Durch gezielte Informationen für Schülerinnen können Frauen für technische Berufe begeistert werden. Es braucht mehr positive weibliche Vorbilder, die zeigen, dass Architektinnen genauso gut Gebäude entwerfen, Gebiete planen und Strukturen berechnen können wie ihre männlichen Kollegen.


Nicoletta Piersantelli
CIPRA International, Architektin und Landschaftsarchitektin