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Den «grünen Lungen» geht die Luft aus

Auf der Suche nach Korridoren: Katrin Löning macht Hindernisse in der Landschaft und in den Köpfen aus. (c) Martin Walser

Tiere und Pflanzen müssen wandern, damit sie sich vermehren können. Sie durchqueren dabei Flächen, die von Menschen genutzt werden. Die ökologische Vernetzung braucht deshalb die Unterstützung verschiedener Sektoren. Die CIPRA bringt diese zusammen.

Ueli Strauss zeichnet mit einem blauen Stift zwei parallele Linien auf ein Flipchartpapier auf dem Tisch: der Alpenrhein. Links und rechts davon zieht er zwei schwarze Linien entlang des Rheins: die Autobahnen auf der österreichischen und schweizerischen Seite, unüberwindbare Hindernisse für viele Tiere und Pflanzen. Die Umstehenden folgen seiner Hand mit den Augen: Zwei grüne Linien schieben sich quer darüber, Strauss schraffiert den Zwischenraum aus: eine Grünbrücke. «Im kantonalen Richtplan sind die Verbindungen zwischen den Grünräumen behördenverbindlich festgelegt», erklärt der Leiter des Amts für Raumplanung und Geoinformation des Schweizer Kantons St. Gallen. Auf der Vorarlberger Seite seien sie zwar festgelegt, aber nicht behördenverbindlich.

Rund 30 GemeindevertreterInnen und Fachleute aus verschiedenen Bereichen wie Raumplanung, Naturschutz, Jagd oder Klimaschutz aus Liechtenstein, Vorarlberg und der Schweiz sind an diesem Herbstnachmittag der Einladung von CIPRA International gefolgt. Sie nehmen an einem Workshop die Vernetzung der Lebensräume von Tieren und Pflanzen im Alpenrheintal unter die Lupe.

Unterschiedliche Perspektiven

Die Erwartungen der Anwesenden sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von «zuhören und lernen», wie Ernst Albrich von der Vorarlberger Jägerschaft sagt, über «Verbündete suchen», so Martin Strele vom Vorarlberger Verein für Bodenfreiheit, bis «grenzüberschreitende Planungsgrundlagen erarbeiten», wie es Oliver Müller vom Liechtensteiner Amt für Umwelt formuliert. Den St. Galler Amtsleiter Ueli Strauss beschäftigt vor allem die Frage: «Wie können wir mit Interessensabwägungen umgehen im Grenzraum?»

Hintergrund des Workshops bildet greenAlps. Das internationale Projekt untersucht und verwertet Ergebnisse aus laufenden und abgeschlossenen Projekten, bereitet diese auf und macht sie SchlüsselakteurInnen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene zugänglich. Dies soll dazu beitragen, die Rahmenbedingungen für eine nachhaltige und effiziente europäische Umweltpolitik zum Schutz und Erhalt der Natur in den Alpen zu verbessern (Biodiversität & Landschaft, S.11).

CIPRA International ist für die Kommunikation zuständig, koordiniert die Publikationen und organisiert Veranstaltungen, so im November 2014 die internationale Schlusstagung in Chambéry, Frankreich, und im Oktober den Workshop im Alpenrheintal. Das Projekt dauerte bis Ende 2014 und wurde ko-finanziert vom Europäischen Fonds für Regionalentwicklung im Rahmen des Alpine-Space-Programms, dem Land Liechtenstein und der Paul Schiller-Stiftung.

Eine Fläche muss vieles können

Die unterschiedlichen Gesetzgebungen in den Alpenländern sind massgebliche Hindernisse auf den Wanderrouten von Tieren und Pflanzen. Augenfälliger noch als diese sind Strassen, Siedlungen, Gewerbebauten – die Menschen bauen mit ihrer Infrastruktur immer mehr Grünflächen zu. Auch wegen der zunehmenden Technisierung der Landwirtschaft geht den «grünen Lungen» langsam die Luft aus. Verlierer sind die Tiere und Pflanzen, die auf Freiflächen und Korridore zwischen diesen angewiesen sind, aber auch die Menschen. Denn die «grünen Lungen» sind auch Grundwasserspeicher, Erholungsgebiete oder extensiv bewirtschaftetes Landwirtschaftsland.

Wo die «grünen Lungen» im Alpenrheintal liegen, zeigt Heiner Schlegel vom Büro für Raumentwicklung Renat den Workshopteilnehmenden auf einer Karte an der Pinnwand. «Sie sind sehr unterschiedlich. Es gibt welche am Seebecken», seine Hand zeigt auf eine schraffierte Fläche beim Bodensee, «manche liegen zwischen Berghängen, andere sind Meliorationslandschaften oder Schwemmland.» Die schraffierten Flächen sind auf der Karte mit blauen Linien verbunden: Flüsse, die Lebensadern der «grünen Lungen».  

Die meisten Verbindungen zwischen Lebensräumen führen durch Flächen, die von mehreren Nutzern beansprucht werden. Sie haben selten Schutzstatus. Allzu oft wird ein Nutzungsanspruch mit öffentlichem Interesse gerechtfertigt. Mario Broggi, ehemaliger Präsident von CIPRA International, stellt fest: «Das öffentliche Interesse ist die Summe der Partikularinteressen – und so fragmentiert sieht die Landschaft heute aus.»

Ein alpenweites Netzwerk knüpfen

Die Anwesenden erkennen: Für eine Vernetzung der Naturräume braucht es erst eine Vernetzung der Menschen über die Grenzen der Länder und verschiedenen Fachbereiche hinweg. Eine Schlüsselrolle nimmt die Raumplanung ein. Sie muss die verschiedenen Nutzungsansprüche unter einen Hut bringen. Doch die Raumplanung ist in den Alpenländern unterschiedlich organisiert. In der Schweiz wird mit dem kantonalen Richtplan vieles vorgegeben, in Vorarlberg liegt der Ball bei den Gemeinden – und Liechtenstein hat kein Raumplanungsgesetz.

Welchen Nutzen soll eine Fläche bringen, wer darf Anspruch darauf erheben, wann sind Kompromisse angezeigt? Konzepte und Richtlinien zur Klärung solcher Fragen gibt es bereits einige, aber an der Umsetzung hapert es. Dies ist eine Erkenntnis aus greenAlps. Das Projektteam, bestehend aus neun Partnern aus sechs Alpenländern, hat die Erkenntnisse in Form von Empfehlungen an die Politik und das Alpenraumprogramm festgehalten. Mit diesen Empfehlungen und weiteren Publikationen, Projekten und Aktivitäten arbeitet die CIPRA zusammen mit ihren Partnern langfristig auf einen alpenweiten ökologischen Verbund hin. Dazu gehört auch die Mitarbeit bei der Plattform «Ökologischer Verbund» der Alpenkonvention (Alpenpolitik, S.15) und die Unterstützung von Gemeinden über das Netzwerk «Allianz in den Alpen» (Städte & Gemeinden, S.17).

«Verbündete: Jäger, Naturschutz, Tourismus, Naherholung, Medien…», notiert Katrin Löning vom Österreichischen Ökologie-Institut mit einem grünen Stift auf das Flipchart. Michael Vogel, Präsident des Netzwerks Alpiner Schutzgebiete, zeigt auf die Grünbrücke daneben: «Können da auch Fussgänger rüber?» Eine Idee ist geboren: Tagsüber der Mensch, nachts der Hirsch – eine Kombination eines Wildtierkorridors mit einer Fussgängerbrücke. Ein Mehrwert für alle.

Quelle: Jahresbericht 2014, CIPRA International, www.cipra.org/jahresberichte