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Befreiung vom Überfluss

Sei es zum Thema Energie, Verkehr oder Tourismus - Diskussionen über Nachhaltigkeit laufen bei der CIPRA immer öfter auf die Frage hinaus: Was brauchen wir wirklich für ein gutes Leben? Mit dem Alpendialog zur Energiewende leistet die CIPRA einen Beitrag in der so genannten Suffizienz-Debatte. Der Auftakt fand im Oktober 2013 in der Innerschweiz in Luzern statt.

Es war dieses Gefühl, Ballast abwerfen zu können, frei zu sein. In einer alten Sennhütte mit drei Freunden um ein Lagerfeuer zu sitzen und lange Gespräche zu führen nach einer schwierigen Klettertour durch die schroffen Felsen des 2?761 Meter hohen Strahlbann im Tessiner Val Calnegia. Rauch, der durch die Ritzen zwischen den Steinen abzieht. Kein Strom, dafür Wasser aus dem Gebirgsbach und Brot, Käse und Trockenfleisch aus dem Rucksack.
Katharina Conradin nestelt ihr Handy aus der Tasche, vor dem Zugfenster zieht eine gefällige Hügel- und Berglandschaft vorbei. Die dunkelbraunen Augen der 31-Jährigen strahlen hinter der schwarzen Hornbrille hervor, als sie Fotos von diesen Tagen zeigt. Die Geschäftsführerin von Mountain Wilderness Schweiz, einer Mitgliedsorganisation der CIPRA, die sich für ökologisch verträgliches Bergsteigen einsetzt, ist auf dem Weg zu einer Veranstaltung, die sie moderieren wird: Der erste Alpendialog, organisiert von CIPRA International, zu deren Vorstand sie gehört. Ein Brainstorming von zwei Dutzend engagierten Menschen aus allen Alpenländern, die sich während zweier Halbtage zum Thema "Energiewende in den Alpen" austauschen, ihre Erfahrungen einbringen und vermehren und Inputs für ihre tägliche Arbeit und die nächste Ministerrunde der Alpenkonvention erarbeiten werden.

Gibt es All-Tag-Glück?
Uups - da ist es schon wieder: das Handy. Ein Reflex. Sie schaut auf den Display. "Ab und zu brauche ich solche Tage fernab der Zivilisation", sagt Katharina Conradin, "allein schon, um dem Zwang zu entkommen, ständig meine E-Mails zu checken." Man könnte dieses Gefühl auch Glück nennen. Glück im einfachen Leben in den Bergen. Doch funktioniert Genügsamkeit, also Suffizienz, auch im Alltag, bei gleicher oder sogar besserer Lebensqualität? "In der Stadt hab? ich kein Lagerfeuer, aber vielleicht einen Kamin. Da brauch? ich kein Auto und komme trotzdem überall hin."
Katharina Conradin kennt ihren ökologischen Fussabdruck. Er liegt bei 1,8. Sprich: Würden alle Menschen so viel Energie und Ressourcen verbrauchen wie sie, müsste die Erde 1,8 mal so gross sein. Und das, obwohl sie kein Auto hat, regional einkauft und seit Jahren keine Flugreise mehr in den Urlaub gemacht hat. Ein sehr niedriger Wert für eine Mitteleuropäerin. Wie da einen nachhaltigen Wert für alle erreichen?
 
Alltägliche Dilemmata
In der Hochschule für soziale Arbeit, direkt am Vierwaldstättersee, treffen die Teilnehmenden aus allen Richtungen der Alpen und mit sehr unterschiedlichen beruflichen Hintergründen ein. Sie alle bewegt das Thema Energiewende und Suffizienz. Da ist Peter Tramberend, 44, vom Bundesumweltamt aus Wien: "In meiner Abteilung haben wir viel mit übermässigem Flächenverbrauch zu kämpfen. Österreich wird zersiedelt, die Vororte wuchern immer weiter ins Umland, mit dem entsprechenden Pendelverkehr und Energieverbrauch." Auch privat sucht er nach einem Ausgleich aus Ökologie und persönlichen Vorlieben: Er möchte gerne in den Bergen leben, muss aber in Wien arbeiten. Die Lösung für seine Familie: Sie leben unter der Woche in einer Stadtwohnung und am Wochenende in einem Haus in den Bergen, eine Autostunde von Wien entfernt. "Dadurch muss ich nicht jeden Tag pendeln."
Alain Boulogne, 63, sonnengebräunt, grüner V-Kragen-Pulli, schwarze Hose und Lederslipper, war von 2001 bis 2008 Bürgermeister von Les Gets, einem Ski- und Luftkurort in der Haute Savoie. Die Gemeinde leidet unter Wasserknappheit. Alain Boulogne sah sich in einem Dilemma: Immer mehr Touristen brauchten immer mehr Skipisten, auf denen immer mehr Schneekanonen Wasser verbrauchten, bis oft nichts mehr aus dem Wasserhahn kam. Er verfügte einen dreijährigen Baustopp - und wurde abgewählt. Seine Bürgerinnen und Bürger haben ihm diesen scheinbar wachstumsfeindlichen Kurs nicht verziehen. Er aber ist sich sicher: "Wir müssen neue Wege gehen." Seit seiner Abwahl engagiert er sich als Präsident von CIPRA Frankreich für die nachhaltige Entwicklung.

Drittes Standbein Suffizienz
Eine Übersetzerin und ein Übersetzer murmeln simultan abwechselnd Deutsch und Englisch in Mikrofone, die ihre Stimmen in die Kopfhörer einiger Teilnehmenden übertragen. An den Wänden hängen Infoplakate zur Energiesituation in den einzelnen Alpenländern. Draussen vor dem Fenster glänzen der Vierwaldstättersee und das gegenüberliegende Ufer in der goldseidenen Herbstsonne. Katharina Conradin begrüsst zum ersten Alpendialog der CIPRA und übergibt an Hanspeter Guggenbühl für ein Impulsreferat.
Der 64-Jährige schreibt als Energieexperte für verschiedene Schweizer Zeitungen. Graue Mähne, markantes Gesicht, Fahrradfahrer. "Ich habe in den vergangenen Jahren meine Zeit aufs Stilfser Joch um zwei Minuten verbessert!" Seine These: Die Energiewende ist notwendig, muss aber anders gestaltet werden. Subventionen für erneuerbare Energien schraubten den Stromverbrauch in die Höhe. Stromsparen aber bleibe unattraktiv. "Was bringen Subventionen für energetisches Bauen, wenn ständig unser Flächenbedarf steigt? Müssen öffentliche Gebäude die ganze Nacht durch angestrahlt werden?" Der steigende Ressourcenverbrauch fresse alle Effizienzgewinne und stelle damit die Energiewende in Frage. Der sogenannte Rebound-Effekt. Es brauche neben den erneuerbaren Energien und der Effizienz ein drittes Standbein für die Energiewende: die Suffizienz. Zum Beispiel eine Lenkungsabgabe, die sich am Energieverbrauch orientiert und somit Energiesparen attraktiver macht.
Nach einer Diskussion wird das Thema in Workshops vertieft. Claire Simon, Geschäftsführerin von CIPRA International, leitet einen zum Thema Suffizienz. Kurze historische Herleitung des Begriffs: Diogenes in der Tonne hat einen Lebensstil daraus gemacht und der Ökonom Malthus in seinem "Bevölkerungsgesetz" im 19. Jahrhundert drastisch formuliert: Gibt es mehr Menschen als Nahrungsmittel für ihre Versorgung produziert werden können, bringen Hungersnöte Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichwicht. Der Club of Rome, klar, das war das gleiche Fanal, übersetzt in die Moderne. "Bei der CIPRA kommen wir in den Diskussionen - egal zu welchem Thema - immer wieder zu einer Frage: Was brauchen wir wirklich?"

Windrad-Wälder
Hinten im Saal sitzt Rudi Erlacher an seinem Laptop und klärt alle aufkommenden Wissens-Fragen gleich online. Er trägt Jackett und Schnauzer, vertritt in Luzern CIPRA Deutschland, ist Geschäftsführer vom Verein zum Schutz der Bergwelt und gelernter Physiker, was in der logischen Strenge seiner Argumentation spürbar wird: "Als Naturschutzverbände müssen wir die Schattenseiten der Energiewende aufzeigen: Die Zerstörung des Landschaftsbildes. Der Glaube an das schier unerschöpfliche Potenzial der erneuerbaren Energiequellen missachtet die Sehnsucht des Menschen nach unbebauter Natur." Ihm machen Pläne in Süddeutschland Sorgen: Am bayrischen Alpensaum sollen vier Pumpspeicherkraftwerke gebaut und in Baden-Württemberg bis 2015 8?000 Windräder aufgestellt werden. "Das wären alle vier Quadratkilometer ein Windrad!"
Die Alpen als "grüne Batterie Europas"? Auch im Workshop über den Beitrag der Alpen zur Energiewende werden Vorbehalte gegen die zunehmende Verbauung formuliert: "Die Alpen können nicht mehr Energie in umliegende Regionen exportieren, die Kapazitäten sind ausgeschöpft", sagt ein Teilnehmer. Und dann wird, einmal mehr, der ehemalige CIPRA-Präsident Mario Broggi zitiert: "Die Landschaft der Alpen ist nicht erneuerbar!"
Ein Mann mit Jeanshemd, entspannter Sitzhaltung und gelegentlich skeptischem Blick wirft ein, dass "Verzicht schlecht vermittelbar" sei. Zuerst mal müsste eine Vorstellung von mehr Lebensqualität entwickelt werden, die mit weniger Konsum verbunden sein kann. Eine gute Aufgabe für eine Nichtregierungsorganisationen wie die CIPRA, findet Francesco Dellagiacoma, in der Provinzverwaltung von Trient verantwortlich für Forstwirtschaft und langjähriger Weggefährte der CIPRA. Das Leben in Passivhäusern sei nicht nur ökologischer, sondern auch angenehmer als in normalen Häusern. Auf so was müsse man bauen. "Wir könnten mehr von unserem eigenen Holz verbauen, statt aus Fernost billig zu importieren und durch den Transport CO2-Emissionen zu exportieren."

Punkten mit guten Ideen
Katharina Conradin sammelt weitere Vorschläge für Suffizienzstrategien. "Welche Impulse könnt ihr in eure Regionen tragen?" Immer mehr bunte Kärtchen bedecken gegen Ende des zweiten Tags die Pinwand. Katharina Conradin liest die Vorschläge vor. Ganz oben steht der Aufbau einer Datenbank mit Best-Practice-Beispielen aus allen Lebensbereichen. Zum Beispiel dürfen in einigen Regionen nur neue Skigebiete erschlossen werden, wenn gleichzeitig alte Skilifte rückgebaut werden. Ähnliche Überlegungen gibt es in Wien mit einem Ökopunktesystem für Flächenverbrauch: Wenn Fläche verbaut wird, soll in Zukunft Ausgleichsfläche an anderer Stelle geschaffen werden. Oder es liesse sich eine Kampagne finanzieren, die an einem Tag alle Werbung in Zeitungen und Fernsehsender aufkauft - um auf unsere Abhängigkeit von Konsum aufmerksam zu machen. Katharina Conradin schlägt vor: "Sei kein Prediger, sei ein Beispiel und messe deinen eigenen ökologischen Fussabdruck."
Zwei Tage Brainstorming sind vorüber. Welche der Überlegungen die Teilnehmenden vor Ort umsetzen oder wie der Ministerrat reagiert, wird sich an der Fortsetzung des Alpendialogs zeigen. Jetzt gibt es noch ein Erinnerungsfoto. Eine Brücke am See verspricht die richtige Kulisse mit Herbstlaub und Möwen. Das mobile Gebläse eines Arbeiters der Stadt übertönt deren Kreischen Der Zweitaktmotor hat eine grosse Aufgabe zu bewältigen: Blätter, die von den Bäumen am Ufer auf eine Seite des Parkplatzes zu blasen, wo sie aufgekehrt werden können. Die Gruppe lacht. Jemand sagt: "So viel zum Thema Suffizienz."

Tilman Wörtz (Text) und Heinz Heiss (Fotos)

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Energiewende bewegt
Der Alpendialog zur Energiewende, der im Oktober 2013 in Luzern/CH startete, ist einer von mehreren Beiträgen der CIPRA zu einer naturverträglichen Energiewende. CIPRA Deutschland hat zusammen mit Mitgliedsorganisationen ein Positionspapier erarbeitet zur naturverträglichen Umsetzung der Energiewende in den bayerischen Alpen. CIPRA Schweiz machte im Sommer 2013 mit der Wanderung Alpine Power und der Kampagne "Feuer in den Alpen" auf die Bedrohung der Bergwelt durch den Klimawandel und die Energiewende aufmerksam. CIPRA-VerterterInnen bringen Erkenntnisse und Forderungen in die Gremien der Alpenkonvention wie der Energieplattform ein.
Die Veranstaltung wurde organisiert im Rahmen der Projekte climalp und Alpstar, mit finanzieller Unterstützung des Schweizer Bundesamts für Raumentwicklung, des Kantons St. Gallen, des Landes Liechtenstein, der EU, der Karl Mayer Stiftung und der Fondation Assistence.
www.cipra.org/de/cipra/international/projekte/laufend/alpendialog

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Quelle: Jahresbericht 2013, CIPRA International, www.cipra.org/jahresberichte