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Olympiafreie Alpen!

Ein Kurswechsel des IOC ist nötig, damit nachhaltige Olympische Winterspiele möglich werden. © miss604/flickr

Offener Brief an Thomas Bach, Präsident des IOC Schaan/LI, 25. Februar 2014
Sehr geehrter Herr Bach,

die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi sind zu Ende. Sie gehen als teuerste und umstrittenste Winterspiele in die Geschichte ein. Doch das Nachspiel steht noch aus. Ist die Berichterstattung über die sportlichen Leistungen und Erfolge der Olympiateilnehmer vorbei, werden überdimensionierte Infrastrukturen, Umweltzerstörung und die negativen Folgen für die Bevölkerung, aber auch die Menschenrechtsverletzungen und die inhaftierten Umweltaktivisten die Assoziationen mit "Sotschi 2014" noch lange prägen. Wie in den Austragungsorten vergangener Winterspiele in den Alpen und anderswo werden die finanziellen und ökologischen Folgen jahrzehntelang spür- und sichtbar sein. Wir wollen in diesem offenen Brief nicht im Einzelnen auf diese negativen Folgen der Winterspiele in Sotschi eingehen. Einen Eindruck vermitteln die Erfahrungsberichte zu Olympischen Winterspielen und Kandidaturen der letzten Jahre in den Alpen auf unserer Website www.cipra.org/de/olympia .

Die Belastungen von Olympischen Winterspielen haben für Natur und Mensch eine Schwelle überschritten, die nicht mehr akzeptabel ist. Unsere Kritik richtet sich grundsätzlich an das IOC und seine Vorgaben für Olympische Winterspiele. Dazu gehören die Vergabepraktiken, Gigantismus und Größenordnung der Spiele, die einseitigen Verträge (Host City Vertrag u.a.), die intransparente Finanzgestaltung, die Defizitgarantien und die Demokratiedefizite sowie die Verschuldung und weitere Folgen für die ausrichtenden Länder und Gemeinden. Nicht zuletzt spielt der Klimawandel mit seinen Auswirkungen für die Schneesicherheit eine zunehmende Rolle. Immer deutlicher stellt sich die Frage, ob und in welcher Form Olympische Winterspiele in Zukunft überhaupt noch durchführbar sind
.
Die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA, die als Dachverband über 100 Organisationen und Institutionen in den Alpenländern vertritt, fordert in einer Resolution, dass in den Alpen keine Olympischen Winterspiele in der jetzigen Form mehr geplant und durchgeführt werden. Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass die Alpenregionen sich nicht für diesen umweltzerstörerischen kommerziellen Grossanlass eignen. Die jüngsten Volksabstimmungen in Graubünden und München weisen darauf hin, dass breite Kreise der Bevölkerung kaum mehr bereit sind, die Belastungen von Olympischen Winterspielen in Kauf zu nehmen. Angesichts der fehlenden Bereitschaft des IOC, bei den Winterspielen einen radikalen Kurswechsel zu vollziehen, sollen die Alpenregionen ihre Konsequenzen ziehen: Olympiafreie Alpen heute und in Zukunft!

Mit den geltenden Reglementen und Vertragsbedingungen des IOC ist es nicht mehr verantwortbar, Olympische Winterspiele durchzuführen - weder in den Alpen noch anderswo. Das Vorgehen des IOC ist intransparent und die Vorgaben sind undemokratisch. Mit den Host-City-Verträgen nehmen Sie den Gemeinden und Regionen das Selbstbestimmungsrecht. Diese Strategie des IOC mag in autokratisch regierten Ländern vielleicht (noch) aufgehen, aber für demokratische Nationen wie die Alpenländer ist dies ein unhaltbarer Zustand. Wichtige Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit, die für die Regionen und Gemeinden in den Alpen auf der Tagesordnung stehen, werden in den Bewerbungsunterlagen zwar genannt, bilden für das IOC aber offenbar keinen ernstzunehmenden Schwerpunkt.

Wir wenden uns an Sie als IOC-Präsidenten mit der Aufforderung, den Kurswechsel des IOC wie die grundlegende Neuausrichtung der Regelwerke für die Planung und Durchführung Olympischer Winterspiele einzuleiten. Dazu gehören eine Rückkehr zu einer den Austragungsorten angepassten Grösse und ein transparentes Wahlprozedere, das sich an für alle Beteiligten gültigen demokratischen Spielregeln orientiert.
Eine Antwort Ihrerseits und einen fachlichen Austausch würden wir begrüssen. Gerne sind wir bereit, eine Delegation zu einem Gespräch mit dem IOC zu entsenden.

Freundliche Grüsse
Dominik Siegrist
Präsident CIPRA International

Weitere Informationen: www.cipra.org/de/olympia , www.cipra.org/de/presse/medienmitteilungen
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