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Die Entfesselung der Naturkräfte

Die Entfesselung der Naturkräfte

Zwischen Wetterhexen, Rollböcken und dem Klimawandel zieht Andreas Weissen Parallelen. © Andreas Weissen

Seit Urzeiten fasziniert Wasser die Menschen, sei es als Element in der Landschaft, Unheilbringer oder Quelle der Inspiration. Der Walliser Sagenerzähler Andreas Weissen über Sagen und Mythen rund ums Wasser.
«Z’wenig und z’vill verderpunt alli Schpill», lautet ein altes Sprichwort im Wallis, das sich ungereimt etwa so übersetzen lässt: «Bei Mangel oder Überfluss hört der Spass auf.» Dann wird aus dem Vergnügen schlagartig bitterer Ernst, beispielsweise wenn es zu wenig oder zu viel regnet. Dann drohen Dürren oder Überschwemmungen mit verheerenden Folgen.
Seit die Menschen dauerhaft in unwirtlichen Gegenden wie den Alpen leben, müssen sie mit extremen Naturereignissen rechnen. Topografie und Klima sorgen zusammen mit den Gravitationskräften dafür, dass Massen von Wasser, Schlamm, Geröll und Steinen ins Tal gelangen und Bewohner, Siedlungen und Güter verheeren.
«Katastrophen» heissen diese extremen Naturereignisse in anthropozentrischer Sicht. Und seit alters her versuchen die Menschen, die Ursachen für die Entfesselung der Naturkräfte zu ergründen. Da war der «Rollibock», ein zweibeiniges Ungeheuer mit glühenden, feurigen Augen und klirrenden Eiszapfen statt eines Fells. Da musste nur jemand unbedacht laut seinen Namen nennen, um den Bock zu erzürnen, der in seiner Wut ganze Gletscherseen zum Auslaufen brachte. Oder die Wetterhexen, die bloss eine Kelle Wasser ausleerten, und schon öffnete der Himmel alle Schleusen und die Wassermassen spülten Mensch und Vieh hinweg. Auch wenn jemand die Werke der Barmherzigkeit missachtete, indem er einem Hungernden die Nahrung oder einem Obdachlosen das Bett verweigerte, bekam er die tödliche Gewalt der Naturelemente zu spüren.

Gletscher bauen, Quellen zaubern
Bemerkenswert ist, dass in den uralten Sagen meist der Mensch die Katastrophen verursacht, indem er Grenzen überschreitet oder Gebote missachtet. Da treffen archetypische Erklärungsmuster urplötzlich auf aktuelle Szenarien als Folge des Klimawandels, ausgelöst durch Fehlverhalten der Menschen. In den alten Geschichten wurden moralische Grenzen verletzt, in den wissenschaftlichen Modellen wird die Ökologie aus dem Gleichgewicht gebracht – beide Male mit apokalyptischen Folgen.
Wechseln wir den Schauplatz: Viele inneralpine Täler sind derart trocken, dass die Vegetation nur spärlich spriesst und eine landwirtschaftliche Nutzung und dauerhafte Besiedlung gar nicht möglich wäre, wenn nicht die Menschen künstliche Bewässerungssysteme errichtet hätten. Laut den Sagen wurde auch versucht, Gletscher nachzubauen und Quellen herzuzaubern. Jedoch ohne Erfolg. So blieb nichts anderes übrig, als Schmelzwasser über kilometerlange Kanäle und Gräben – in Südtirol «Waale» genannt, im Wallis «Suonen» oder «Bisses», im Aostatal «Ru» und im Briançonnais «Peyras» – zu den Wiesen, Äckern und Gärten zu führen. Tag und Nacht wurden die landwirtschaftlichen Kulturen in einem streng geregelten Turnus bewässert.
Laut der Sage hatte Petrus Mitleid mit den Wallisern und schlug ihnen vor, den Herrgott zu bitten, es mehr regnen zu lassen und ihnen so die mühevolle Arbeit zu ersparen. Doch die Walliser lehnten das Angebot dankend ab. Denn sie wollten eine derart lebenswichtige Aufgabe nicht irgendeinem Fremden übertragen, sondern in den eigenen Händen behalten. Und weil sie nicht gestorben sind, bewässern sie noch heute.

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Kulturvermittler und Umweltschützer
Andreas Weissen, 1957 in Brig im Wallis geboren, ist Geschäftsführer des Netzwerks Schweizer Pärke. Er verdient einen Teil seines Lebensunterhalts als Sagenerzähler. Mit Kerze, Blockflöte und Stimme entführt er sein Publikum in vergangene Zeiten. Andreas Weissen studierte Journalistik an der Universität Fribourg und Pädagogik, Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Bern. Von 1995 bis 2004 war er Präsident von CIPRA International.
www.andreas-weissen.ch
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aus: Szene Alpen Nr. 98 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/5222)
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