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Für eine lebenswerte Stadt

Für eine lebenswerte Stadt

Anreiz zum Klimaschutz: In Bozen darf höher bauen, wer alte Bausubstanz energetisch saniert. © Othmar Seehauser

Gratis Busse, klare Luft in Klassenzimmern und Bonusse für Sanierungen. Das sind Vorteile klimaschützender Massnahmen dreier Alpenstädte. Sie zeigen, wie sie sich der Herausforderung Klimawandel stellen.
Rein in den Wagen und los nach Gap in die französischen Südalpen. Doch Stopp! Kurz vor dem Zentrum «der Alpenstadt des Jahres 2005» geht es nicht weiter, zumindest nicht mit dem Auto. Denn um den verkehrsgeplagten Stadtkern von Gap zu entlasten, hat die Stadt diesen 2005 zur autofreien Zone erklärt. Nicht mit Verboten, sondern mit Lockmitteln bewegt die Stadt Einwohner und Gäste dazu, auf das Auto zu verzichten: Sie stellt ein gratis Busnetz zur Verfügung und ist damit die erste Stadt in Frankreich mit kostenlosem öffentlichem Verkehr. Insgesamt sind 22 Stadtbusse im Einsatz. Zusätzlich hat die Stadt 16 Busse externer Unternehmen für den Schülertransport engagiert. Gratis Parkplätze am Stadtrand bieten Autofahrern genug Platz um ihr Auto abzustellen. Für eine Verbindung dorthin sorgen rund um die Uhr zwei neue Buslinien. Auch eine neue Schnelllinie wurde eingerichtet. «Das Problem in Gap war», erklärt Martine Marlois, Verantwortliche für Umwelt der Gemeinde Gap, «dass die Einnahmen der Tickets die Kosten für den Ticketverkauf nicht deckten, da Schülerinnen und Senioren bereits vor dieser Initiative gratis Bus fuhren.» Deshalb und natürlich um den Einwohnern eine attraktive Alternative zum Auto zu bieten, habe man das bezahlte Ticket für alle abgeschafft. Die Stadt organisierte zudem Informationskampagnen, um die Städter für nachhaltige Mobilität zu sensibilisieren, und Workshops für Busfahrer, bei denen diese klimafreundliches Fahren lernten. Diese Massnahmen haben die Verkehrssituation in der Stadt verbessert und sich positiv auf die Stadtentwicklung ausgewirkt, ist Marlois überzeugt. «Bürger, die davor das Zentrum wegen Verkehrsüberlastung mieden, kommen jetzt mit dem Bus dorthin. Das sorgt für Leben in der Stadt und unterstützt kleine Geschäfte.» Seit der Umsetzung dieser Initiative ist der Anteil an Buspassagieren in Gap um 20 bis 25 Prozent gestiegen.

Kubaturbonus für Sanierungen
Vom Bus aufs Rad umgestiegen, geht es weiter Richtung Norditalien, in die «Alpenstadt des Jahres 2009» Bozen. Laut einer aktuellen Zählung ist sie von allen mittelgrossen italienischen Städten diejenige mit dem grössten Anteil an Radfahrenden. Neben dem rund 50 Kilometer langen Fahrradnetz reduziert Bozen mit intelligentem Bauen und Sanieren den CO2-Ausstoss. Der Schlüssel zu einer klimafreundlichen und lebenswerten Stadt, so der Generaldirektor der Stadt Bozen, Helmuth Moroder, liege auch in der Errichtung einer kompakten Stadt. «Dadurch kann eine Stadt den Problemen der Flächenknappheit und Landschaftszersiedelung entgegenwirken.» Konkret bedeutet das, dass die Stadt, um der Wohnungsnachfrage nachzukommen, mehr auf Sanierung und Erweiterung der bestehenden Gebäude als auf Neubauten setzt.
Eine EU-Regelung sorgt für klimafreundliches Bauen und Sanieren im öffentlichen Bereich. Denn bis 2018 müssen alle öffentlichen Gebäude einen Energiebedarf haben, der fast bei Null liegt und hauptsächlich mit erneuerbaren Ressourcen gedeckt ist. Um auch die Bevölkerung zu energieeffizientem Sanieren zu motivieren, hat Bozen den landesweiten Kubaturbonus für die Renovierung von vor 2005 gebauten Häusern mit der Bedingung eines geringeren Energieverbrauchs gekoppelt. Das bedeutet, dass ein Haus um bis zu einem ganzen Stockwerk erhöht werden darf, wenn es energetisch saniert wird. «Der Kubaturbonus soll Anreiz sein für energieeffiziente Sanierungen und Bauherren die Möglichkeit geben, mit der Vermietung des gewonnenen Raumes den Umbau zu finanzieren», meint Moroder.

Bewusstsein schärfen
Weiter geht die Reise in Richtung Norden in die Allgäuer Alpen zur «Alpenstadt des Jahres 2005» Sonthofen. Die deutsche Stadt ist klein genug, um zu Fuss durchquert zu werden. In Sonthofen wird Klimaschutz generationsübergreifend verstanden. «Die Leute werden immer älter, bleiben länger aktiv und sind umweltbewusster», sagt Bürgermeister Hubert Buhl, Vorsitzender des Vereins «Alpenstadt des Jahres». «Deshalb müssen wir für die Zukunft geeignete Infrastrukturen errichten, wie die Erweiterung des Fahrradnetzes für E-Bikes.»
Bereits abgeschlossen sind zwei Vorzeigeprojekte, die Jugendlichen und Kindern in Sonthofen zu Gute kommen: die energetische Sanierung des Gymnasiums und die Einführung des «Energieführerscheins» (SzeneAlpen Nr. 97, Seite 20).
Dank der Generalsanierung der Schule konnte der Gesamtenergiebedarf um 90 Prozent reduziert und die CO2-Emissionen um rund
83 Prozent verringert werden. Das Gymnasium aus den 1970er Jahren hatte zuvor schlecht isolierte Gebäudehüllen, undichte Fassaden, einen hohen Energieverbrauch und Probleme mit Schadstoffen.
Das Projekt «Energieführerschein» spricht acht- bis zehnjährige Schülerinnen und Schüler an. Sie lernen, wie Energieverbrauch und Klimaschutz zusammenhängt und Wissenswertes über erneuerbare Energien. Beide Projekte bringen Sonthofen einen Schritt weiter im Klimaschutz. Denn die Jungen sind die Bauherren und Energieverbraucher von morgen.

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aus: Szene Alpen Nr. 98 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/5222)