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Wie Bananen züchten auf dem Piz Palü

Mit Alpine Power flott unterwegs durch das Valmalenco: Machmal führt die Umleitung – italienisch deviazione – schneller zum Ziel als der gerade Weg. © Heinz Heiss/Zeitenspiegel Reportagen

Bodenhaftung ist wichtig. Aus diesem Grund begeben sich VertreterInnen der CIPRA auf eine Wanderung, quer durch die Alpen, über Landesgrenzen hinweg. Eine Erweiterung des Netzwerks und eine Art Grosser Marsch, der sogar auf Facebook Spuren hinterlässt.
Jetzt liegt das Tal unter ihnen. Eingefasst von Bergen, starr und lebendig zugleich: Hecken zeichnen ein pittoreskes Flickenmuster auf Wiesen und Felder um das 3600 Einwohner-Örtchen Poschiavo herum. Vor einer Stunde noch hatten sie dort in alten Gemäuern gesessen, hatten an der AlpenWoche 2012 tagelang diskutiert zu «Erneuerbaren Alpen». Nun aber wollen sie gemeinsam mit Freunden der CIPRA den Alpen tatsächlich näher kommen, sie spüren und mit den Leuten reden, die in ihnen wohnen: über ihre Probleme, Erfahrungen und Ideen. Und beim Wandern innehalten.
«Das Valposchiavo ist für mich eines der interessantesten Täler der Alpen», schwärmt ein grosser Mann mit buschigen Augenbrauen und Schiebermütze: Dominik Siegrist, Präsident von CIPRA International und für diese Etappe Leiter der achtköpfigen Wandergruppe. Der Tag ist frisch und sonnig. Alpine Power heisst das Wanderprojekt, mit dem die CIPRA zum 60. Gründungsgeburtstag ihr Netzwerk über alle Grenzen hinweg stärken und erweitern will, in Etappen von Slowenien bis Frankreich, von Juli bis Oktober. Jede Etappe wird von der entsprechenden nationalen CIPRA-Vertretung organisiert und auf Facebook begleitet.
Barbara Ehringhaus, Präsidentin der Organisation Pro-Mont-Blanc, bringt das paradoxe Leben einer Alpenschützerin auf den Punkt: «Seit ich mich engagiere, sitze ich viel vor dem Computer und komme kaum noch zum Wandern.» Dominik Siegrist geht mit langen, gleichmässigen Schritten voran, seine Wanderstöcke finden einen gemächlichen Takt. «Wandern ist für mich die Entdeckung der Langsamkeit», sagt er. «Es bringt mich auf neue Ideen.» Daheim hat er eine grosse Karte, auf der sind alle Routen eingetragen, die er je gelaufen ist. Sie gleicht einem riesigen Spinnennetz über die Alpen. Die Erlebnisse und Beobachtungen bereichern sein Wissen über Regionen und ihre Bewohner, das er als Tourismusprofessor seinen Studenten an der Hochschule für Technik Rapperswil weitergibt. «Man muss die Landschaft lesen lernen», sagt er, hebt die Augenbrauen und deutet auf die zahllosen, fein säuberlich arrangierten Steine zu seinen Füssen. «Das ist zum Beispiel eine schöne alte Mulattiera, über den Bauern ihre Kühe über Jahrhunderte auf die Maiensässe führten, als Zwischenstopp auf dem Weg zur Alp», erklärt Dominik Siegrist, «ein typisches Kulturlandschaftselement in den Südalpen». Viele dieser Wege seien mittlerweile verfallen, andere – wie dieser – dank dem sanften Wandertourismus wiederentdeckt.

Alpenschutz querbeet
Schon eine halbe Stunde später gelangt die Gruppe tatsächlich auf das Maiensäss, eine Ansammlung von Steinhäusern mit roten Fensterläden und Geranientöpfen. Autos mit Bündner Nummernschildern stehen davor. Satellitenschüsseln an den Mauern. Die Wiesen sind frisch gemäht, gekrönt von zwei Kapellen. Die letzten Sonnenstrahlen lecken am Bergkamm gegenüber. Ein Aktivist von Mountain Wilderness und ein Geograph aus Erlangen stossen zur Gruppe. Das erste Posting dieser Etappe auf Facebook: ein Gruppenbild.
Ganz zu Beginn der Facebook-Serie von Alpine Power ist Bruno Stephan Walder, neuer Geschäftsführer von CIPRA International, mit den Kollegen von CIPRA Slowenien auf Fahrrädern durch das Logartal und im Gespräch mit Bürgermeistern zu sehen. Am Hohen Ifen in Bayern beteiligte sich die Alpine-Power-Gruppe am Protest gegen den Bau einer neuen Kabelbahn. Sie hielt eine Andacht auf dem Gipfel, spannte Banner auf, postete die Forderungen auf Facebook. Mit Erfolg: Im Oktober 2012 lehnten die Bewohner des Kleinwalsertals den Bau dieser Bahn in einer Volksabstimmung ab. An die Sternwanderung in Liechtenstein schloss die Etappe von CIPRA Schweiz nahtlos an: über die St. Luzisteig quer durch Graubünden bis Poschiavo, dem Ausgangspunkt der Wandergruppe rund um Dominik Siegrist.
«Es erwarten uns netto dreieinhalb Stunden auf den Pass da Cancian, fast 1200 Höhenmeter», verkündet Wanderleiter Dominik Siegrist am nächsten Morgen. Nach zwei Stunden wird die Vegetation karger, färben nur noch Flechten das Grau von Fels und Geröll. Der Piz Palü verschwimmt hinter Wolken. Ein hölzerner Torbogen markiert die Grenze auf dem Pass da Cancian auf 2498 Metern. Die Felsbrocken auf der italienischen Seite gleichen denen auf der Schweizer Seite. Für den Alpenschutz aber spielt die Grenze eine wichtige Rolle, wie die Begegnungen am Wegesrand zeigen. Die erste: Unterhalb des Passes stösst Ruggero Spada, Aktivist der Legambiente Valtellina zu der Gruppe, hoch gewachsen, schwarz belockt. Er will den Gästen eine «Alpe sana» zeigen, eine gesunde Alp. In Jeanshosen eilt er leichtfüssig voran durch eine märchenhafte Landschaft aus von Gletschern geschliffenen Felsen und Kieferhainen. Dominik Siegrist will von ihm wissen, was aus der Petition für die Rettung des Nationalparks Stilfserjoch geworden sei, die auch er vor fünf Jahren mitunterschrieben habe. «Das Projekt stockt», sagt Ruggero Spada. Die Regierung Silvio Berlusconis habe keinerlei Interesse an den Anliegen der Umweltverbände gezeigt. Vielleicht lasse der Machtwechsel hoffen. Es fehle aber auch an Unterstützung durch die lokale Bevölkerung, die sich nicht mit den Bergen identifiziere: «Die Menschen schauen nur nach Mailand, die Jungen gehen dort aus und zum Studieren hin.»

Käse und Salami für das Studium
Umso grösser Ruggero Spadas Freude, ein so gelungenes Beispiel für regionale Identität zeigen zu können wie die Alpe Acquanera. Das Steinhäuschen duckt sich in den Hang. Der Älpler An­drea empfängt uns mit festem Händedruck und lauter Stimme. Sein dunkles Haar steht gut gelaunt ab. Hirtenhunde umschwänzeln
die Beine der Wandersleute. Andrea tischt Salami, würzigen Berg­käse und fruchtigen Rotwein aus eigener Bio-Produktion auf, «ohne Zucker, ohne Schwefel». Bruno Stephan Walder kostet und befindet die Salami für «ottimo!» – das Maximum an Genuss. Andrea präsentiert stolz seine Käserei: ein russiger Raum mit enormem Kupferkessel über der Feuerstelle.
Seit fünf Jahrhunderten bewirtschaftet Andreas Familie diese Alm. Er selbst fuhr lange Jahre Lkw. Doch der Berg rief. Er wagte das Abenteuer Alpwirtschaft und hat diesen Schritt nie bereut: «Meine Kuhherde ist von acht Rindern auf dreissig gewachsen. Die Kunden wollen keine Supermarkt-Ware und akzeptieren höhere Preise.» Seinen beiden Kindern kann er dadurch das Studium finanzieren. Durch Alpine Power fühlt er sich in seiner Art und Weise zu wirtschaften bestärkt: «Ich werde einen Käse machen, auf dem Forza Alpina steht.»
Es dunkelt, die Wanderer müssen sich sputen. «Ein schönes Beispiel, aber kein massenkompatibler Lebensstil», meint Dominik Siegrist während des Almabstiegs. Weiter oben, auf der Alpe Palu, verfallen die Berghütten, Plastikplanen decken Löcher im Schieferdach ab. Die Menschen bekommen für die Landschaftspflege kaum Geld von der Gemeinde, die Gemeinde sieht kaum Mittel von der Region, die Region viel zu wenig aus der Hauptstadt Rom. Der Facebook-Eintrag an diesem Tag: ein Foto zerfallender Steinhäuser, ein Skilift im Hintergrund, und die Frage an die User: «Für welche Werte wollen wir Geld ausgeben?»

Gemeinsam gen Gipfel
Beim Abendessen in Chiareggio leistet Giovanni Bettini der Gruppe Gesellschaft, der Vorsitzende der Legambiente Valtellina. Ein ironisches Lächeln umspielt Bettinis Mundwinkel, der 74-Jährige blickt müde drein: «Alpenschutz im Veltlin ist wie Bananen züchten auf dem Piz Palü – kaum Aussicht auf Erfolg.» Das Bemühen um die Sicherung des Nationalparks stockt, der Ausbau von hundert neuen Kleinwasserkraftwerken dagegen ist beschlossen. Bislang natürliche Bäche sollen umgeleitet und trocken gelegt werden. Giovanni Bettini schöpft neue Hoffnung: Die Kontakte zu Alpenschutzorganisationen in anderen Ländern waren in den vergangenen Jahren spärlich, auch der Draht zur
CIPRA nur lose. Für Dominik Siegrist eine wichtige Erkenntnis dieses Treffens: «Die Legambiente im Veltlin lebt.» Der Kontakt wurde wieder hergestellt – einer der vielen kleinen Erfolge der Jubiläumswanderung Alpine Power.
Auch am vierten Tag unterhält sich die Gruppe rege. Reto Solèr von CIPRA Schweiz, routinierter Wanderer und Autor mehrerer Wanderbücher, schwärmt vom Biwakieren unter freiem Himmel. Bruno Stephan Walder entdeckt seltene Quarzit-Adern im Fels, die aussehen wie durchwachsener Schweinebauch. Barbara Ehringhaus klagt Dominik Siegrist von ihrer Frustration, dass der Mont Blanc immer noch nicht als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt worden ist, vor allem weil die Interessen der lokalen Tourismusbranche dagegen stünden. Dominik Siegrist rät ihr, von international anerkannten Experten den OUV, den universellen Wert, des Mont Blanc evaluieren zu lassen. «Die UNESCO nimmt solche fachliche Beurteilungen sehr ernst.»
Die Gruppe steigt durch ein Geröllfeld hinab, wandert entlang des trockenen Orlegna-Flussbetts, geformt von medizinballgrossen weissen Steinen. Vor Maloja erreichen die Wanderer den Endpunkt ihrer Wanderung: das selbstverwaltete Tagungszen­trum Salecina. Eine sonnenbadende Besucherin auf der Bank vor dem renovierten Gehöft schlürft Cappuccino. Dominik Sie­grist, auch im Stiftungsrat von Salecina, führt durchs Haus. In der Bibliothek viele Regalmeter Regionalliteratur. Gekocht und geputzt wird später gemeinsam.
Eigentlich müsste man noch zusammen sitzen und die gemeinsamen Tage Revue passieren lassen, finden alle. Doch der Alpen­schutz fordert Präsenz in Büros und Besprechungen. Die feinen Fäden, die während dieser Etappe von Alpine Power gelegt wurden, wollen weitergesponnen werden im Netzwerk der CIPRA. Vielleicht sogar mit einem herrlich würzigen Bergkäse namens «Forza Alpina».

Tilman Wörtz
Zeitenspiegel Reportagen

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Quelle: Jahresbericht 2012 CIPRA International
www.cipra.org/de/CIPRA/cipra-international