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Bekenntnis zu einer vernetzten Natur

Aldo Rodigari erzählt, wie der Rambach im Münstertal renaturiert wurde. © Barbara Wülser/CIPRA International

Mit einem Kurzfilm zeigt die CIPRA auf, was Gemeinden tun können, um biologische Vielfalt zu erhalten. Der Auftritt vor der Kamera war für die Aktiven in den Kommunen eine schöne Bestätigung ihres Engagements. Film ab!
Aldo Rodigari steht auf einer Kiesbank mitten im Rom, das Mikrofon am Hemdkragen, und redet gegen das Rauschen um ihn herum an. Wie der Fluss renaturiert wurde. Warum die Unterschutzstellung für das schweizerische Münstertal so wichtig war. Der Bach zu seinen Füssen scheint ihm murmelnd Beifall zu zollen. Der Vize-Gemeindepräsident von Val Müstair hat seinen deutschen Text gut vorbereitet. Nur das schwierige Wort «renaturalisieren» geht dem Bündner romanischer Muttersprache dann doch nicht so leicht von der Zunge.
Der Drehort an der schweizerisch-italienischen Grenze ist einer von fünf Schauplätzen des Films «Für Berghexen und Feuersalamander», der von der CIPRA initiiert wurde. In Frankreich erzählt der Bürgermeister von Saint-Martin-d’Uriage, Bruno Murienne, wie Gemeinden der Natur durch eine umsichtige Raumplanung langfristig einen Platz sichern können. In Italien, in Taufers in Südtirol, und in der Schweiz, in Ramosch im Unterengadin, stehen GemeindevertreterInnen vor der Kamera, um ihresgleichen für die Vernetzung von Lebensräumen zu gewinnen. Bruno Stephan Walder, Geschäftsführer von CIPRA International, verdeutlicht den Wert solcher Aktivitäten, um die immense biologische Vielfalt in den Alpen zu erhalten.
Nicht im Fokus der Kamera, aber dennoch sehr wichtige Mitwirkende: die Menschen im Netzwerk der CIPRA. Einige halfen mit – wie die Partner der Initiative Ökologisches Kontinuum – das notwendige Wissen aufzubereiten. Andere dachten mit bei der Konzepterstellung, identifizierten passende Drehorte und brachten die CIPRA mit den richtigen Protagonisten zusammen.
Seit 2011 ist das knapp 1600 Einwohner zählende Münstertal von der UNESCO als Biosphärenreservat anerkannt. Worauf man heute stolz ist, war einst umstritten. Vor Jahren rief das Revitalisierungsprojekt Palüds in Fuldera Widerstände hervor. Die Landwirte hatten Angst, dass der frei mäandrierende Fluss ihr Land frisst. Heute drängelt er, von seinem Korsett befreit, folgsam an den gepflegten Wiesen vorbei. Den Bauern fällt das Bewirtschaften der Felder leichter und die Touristen schätzen die einmalige Kulturlandschaft entlang des Rom. Kleine gute Beispiele helfen, die Leute für grössere Projekte zu gewinnen, hat Aldo Rodigari erfahren. «Die revitalisierte Flusslandschaft ist heute ein Pluspunkt für die Biosfera Val Müstair.» Manchmal helfe ein Impuls von aussen, wie von Umweltverbänden. Er hofft, dass der Film auch andernorts Augen öffnet. Stolz schwingt mit, wenn er sagt: «Wir sind zwar eine Randregion, aber keine Hinterwäldler.»
Der gleiche Bach, auf der anderen Seite der Grenze in Italien heisst er Rambach. Margit Gaisers Worte vor der Kamera sprudeln wie ein Wasserfall. Die Gemeinderätin von Taufers nimmt kein Blatt vor den Mund. Sie prangert die minimale Leistung eines geplanten Wasserkraftwerks im Verhältnis zum grossen ökologischen und landschaftlichen Schaden an. Vom Alleingang der Gemeinde Taufers, die den Abstimmungstermin nicht mit ihrer Nachbargemeinde Mals flussabwärts koordiniert, ist die Rede. Von Informationen, die die Verantwortlichen der Bevölkerung vorenthalten. Von Touristen, die ratlos an der Grenze stehen, weil der Wanderweg auf der italienischen Seite einfach aufhört. Von den Möglichkeiten, die eine Unterschutzstellung des Baches den Familien und dem Gewerbe im Dorf bieten würde.
Nicht alles sagt sie vor laufender Kamera. Schliesslich möchte sie niemanden öffentlich angreifen. Sondern lieber überzeugen, besonders die knapp 1000 Tauferser. Sie hofft auf den Film. Wenn er alpenweit Aufmerksamkeit errege, könne er vielleicht auch im eigenen Ort Bewusstseinsprozesse auslösen. Margit Gaiser, die auch bei einer Vereinigung zum Schutz des Rambachs mitwirkt, findet, die Publikationen der CIPRA sollten Pflichtlektüre für Gemeinde­räte sein: «Nur ein informierter Mensch traut sich zu reden.»
«Im Bereich Wasser gibt es viele Hindernisse, weil es viele Nutzer gibt», erklärt Angelika Abderhalden. Sie ist eine Kontaktperson der CIPRA im Unterengadin und Geschäftsführerin der Stiftung Pro Terra Engiadina, die sich der Erhaltung und Pflege von Landschaften mit besonderem kulturellem oder natürlichem Wert verschrieben hat. Andere Vernetzungsprojekte seien weniger umstritten. Aufgabe der Gemeinden sei festzustellen, wo es den grössten Handlungsbedarf gebe. «Ökologische Vernetzung sollte dort geschehen, wo sie am meisten bringt.»
Das weiss auch Victor Peer, Gemeindepräsident von Ramosch, einem «Biodorf» im Unterengadin. Schülerinnen und Schüler aus Wien helfen dort mit, Trockenwiesen von der Verbuschung freizuhalten. Peer ist Landwirt, im Unterengadin aufgewachsen und «der Natur schon immer nahe gewesen». Doch wirklich erkannt habe er den Wert naturnaher Landschaft erst dank der Arbeit in der Gemeinde, mit Umweltverbänden und kantonalen Ämtern. Heute firmiert er als Präsident des Stiftungsrats Pro Terra Engiadina und sieht die Pflege von Naturflächen als zukunftsweisende Inwertsetzung «für den Tourismus und für die Menschen, die hier wohnen». Dass seine kleine Gemeinde als Schauplatz für den CIPRA-Film ausgewählt wurde, sieht er als Bestätigung: «Wir sind auf dem richtigen Weg.»

Barbara Wülser
CIPRA International

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Film: Gemeinden vernetzen Lebensräume
Die 15-minütige Dokumentation «Für Berg­hexe und Feuer­salamander» ist eine Ermutigung für Kom­munen, sich für ökologische Vernetzung zu enga­gieren. Sie wurde mitfinanziert von der Valüna Stiftung, kann auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Slowenisch und Englisch von der Website der CIPRA und der Initiative Öko­logisches Kontinuum heruntergeladen werden und ist als DVD bei CIPRA International erhältlich.

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Quelle: Jahresbericht 2012 CIPRA International
www.cipra.org/de/CIPRA/cipra-international