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Beteiligt die Jugend – Jugendliche, beteiligt euch!

SA 97: Beteiligt die Jugend - Jugendliche, beteiligt euch!

«Bitte zuhören!»: Jugendliche erwarten nicht, Dinge abschliessend zu entscheiden, aber sie möchten gehört werden. © Nikolaj Midasch/NAJU Baden-Württemberg

Jugendliche, die in Entscheidungsprozesse einbezogen und ernst genommen werden, sind das Kapital für eine lebendige Demokratie. Das bedeutet nicht, dass sie in jedem Fall über alles mitentscheiden sollen. Das Mass der Beteiligung hängt von Vorhaben und Zielen ab.
«Wenn wir der Jugend nicht zeigen, dass es sich lohnt, sich am Gemeinwesen zu beteiligen, werden wir bald niemanden mehr ­haben, der unsere Demokratie am Leben hält.» Diese Aussage eines Lokalpolitikers aus Schleswig-Holstein/D kann sicherlich jeder gut nachvollziehen, der die sinkenden Wahlbeteiligungen ebenso sorgenvoll betrachtet wie die immer geringer werdende Zahl an politisch Aktiven in Gemeinden und Städten. Jugendliche zu beteiligen scheint demnach eine der Garantien zur Sicherung unserer demokratischen Regierungs-, Gesellschafts- und Lebensform zu sein.
Was meinen wir, wenn wir von Beteiligung reden? Was passiert alles in diesem Bereich und warum? Und wer ist die Jugend, die es zu beteiligen gilt und was will diese überhaupt? Beteiligung an allen Fragen, die Kinder und Jugendliche betreffen, ist ein Menschenrecht. Artikel 12 der Kinderrechtskonvention gibt allen Kindern das Recht, gehört zu werden. Das gilt für das kleine Kind ebenso wie für den Teenager. Gehört werden meint aber nicht nur Hinhören, sondern auch Zuhören und in den Dialog treten. Wann haben Erwachsene Gelegenheit, Kindern zuzuhören? Und wie oft ist das der Fall, wenn diese Erwachsenen Politiker sind, deren Alltag von Entscheidungszwängen durchzogen ist?

Konflikte gehören dazu
Erwachsene – und damit sind hier vor allem Planerinnen und Entscheidungsträger gemeint – müssen die Interessen der Kinder und Jugendlichen ergründen. Ein echtes Interesse an den Meinungen der Jugendlichen bedeutet nicht, immer einer Meinung mit ihnen zu sein.
Kinder und Jugendliche zu beteiligen, ist in erster Linie ein politischer Auftrag und kein pädagogischer. Das bedeutet, dass sich Jugendliche und Erwachsene als gleichberichtigte Aushandlungspartner auf derselben Augenhöhe begegnen und nicht als Erzieher und Zögling. Dazu gehört der Wille, nichts für sie, sondern möglichst alles mit ihnen zu planen und zu entscheiden. Dabei wird die Entscheidungsmacht der gewählten Vertretungen nicht unbedingt in Frage gestellt. Es ist sogar so, dass Beteiligung das Mandat von Volksvertretungen stärken und legitimieren kann.
Für verschiedene Planungs- und Entscheidungsprozesse gelten unterschiedliche Beteiligungsstufen, zu denen es wiederum diverse Umsetzungsmethoden gibt. Wir reden von fünf Beteiligungsstufen: mitmachen, informiert sein, gefragt werden, mitentscheiden und schliesslich selber bestimmen. Eine Gemeinde oder Stadt bestimmt allein, für welchen Prozess sie welche Stufe wählt. Geht es um den Kinderspielplatz, so lassen mittlerweile viele Kommunen die Kinder im Rahmen der verfügbaren Gelder und der Sicherheitsnormen selbst bestimmen, wie dieser aussehen soll. In anderen Fragen wie einer Schulhofgestaltung haben die Schüler Mitbestimmungsrechte, aber sie entscheiden nicht allein. Und wenn es um die Gestaltung einer Einkaufszone oder eines Wohnviertels geht, werden die Kinder und Jugendlichen als wichtige Nutzer um ihre Meinung gebeten, entschieden aber wird in den kommunalen Gremien.
Jugendliche erwarten selten, Dinge in der Kommune abschliessend zu entscheiden. Ihnen ist die damit verbundene Verantwortung durchaus bewusst. Es geht ihnen vielmehr darum gehört zu werden. Der Mächtige darf aber nicht auf sein herkömmliches Machtarsenal zurückgreifen, zum Beispiel indem er Entscheidungen im Hinterzimmer trifft.

Scheitern erlaubt!
Das Wichtigste ist, dass alle einander ernst nehmen. Woran erkenne ich, ob mein Gegenüber mich tatsächlich ernst nimmt? Zum einen an einer echten Auseinandersetzung: Erwachsene dürfen und müssen den Jugendlichen auch sagen, welche ihrer Ideen und Vorstellungen sie nicht gutheissen.
Jugendliche brauchen Erprobungsräume. Erfahrungen zu machen ist das Vorrecht von Kindern und Jugendlichen. Und etwas erproben heisst eben auch, dass es schief gehen kann und darf. Dasselbe Recht wird Erwachsenen bedauerlicherweise nicht mehr so häufig zugestanden.
Erfahrungen besonders intensiver Art machen Jugendliche im Austausch, am besten auf überregionaler oder sogar internationaler Ebene. Das Pilotprojekt European Participation Investigators (EPI) beispielsweise bot Jugendlichen, Beteiligungsfachkräften und Kommunalpolitikern auf internationaler Ebene die Gelegenheit, sich international auszutauschen und zu vernetzen. Heute reisen schleswig-holsteinische Beteiligungsfachkräfte nach Vorarlberg und in die Schweiz, um von den dortigen Erfahrungen zu lernen. Österreichische Fachkräfte nehmen an Kongressen in Norddeutschland teil und vernetzen sich im Bundesnetzwerk Jugendbeteiligung Deutschland. Die Jugendlichen und die Kommunalpoltiker indes haben sich nicht europäisch vernetzt. Offenbar reichen Zeit und Energie nicht für den Austausch zum Thema Jugendbeteiligung. Aber es ist ein Bewusstsein entstanden für die Wichtigkeit des Themas.

Bei den Erwachsenen beginnen
Um Kinder und Jugendliche zu beteiligen, muss investiert werden. Es braucht geschultes Personal, Moderatoren für Kinder- und Jugendbeteiligung, und das nicht nur für einzelne Projekte, sondern kontinuierlich. Wenn es dann ein Jugendparlament gibt, heisst das noch nicht, dass es auch rund läuft. Stellen wir uns doch unsere GemeinderätInnen und Ausschüsse vor, wenn es keine Verwaltung gäbe, die Vorlagen vorbereitet, zu Sitzungen einlädt, Protokolle schreibt etc. Nichts würde mehr funktionieren. Genau deshalb muss auch die Kinder- und Jugendbeteiligung intensiv begleitet werden.
Der Dialog zwischen Jugend und Politik, wenn er denn stattfindet, ist ein gefährliches Feld unterschiedlicher Erwartungen und vieler Vorurteile. Von «die sollen erstmals Verantwortung übernehmen, bevor sie mitreden wollen» bis hin zu «die da oben tun ja sowieso, was sie wollen, die wissen doch nicht, was es bedeutet, jung zu sein» ist es ein weiter Weg zum fairen Dialog.
Jugendliche sind Experten in eigener Sache und können sich entsprechend für die Beteteiligung qualifizieren. Aber sie sind nicht Experten in den Angelegenheiten der erwachsenen Entscheidungsträgerinnen. Es fehlt auch hier an der Qualifizierung. Die Kommune, die sich auf den Weg macht, ihre Kinder und Jugendlichen zu beteiligen, beginnt bei den Erwachsenen und ihrer Haltung gegenüber Jugendlichen und Beteiligung. Sie entwirft einen Plan, der klarstellt, bei welcher Entscheidung sie Kinder- und Jugendliche auf welcher Stufe beteiligen will. Dazu sucht sie geeignete Methoden. Sie holt sich Unterstützung von Profis und verzagt nicht, wenn es nicht sofort funktioniert. Sie ist sich bewusst, dass es Geld kostet, aber sie weiss auch, dass es zu einer grossen Identifikation der Jugendlichen mit ihrer Gemeinde und letztlich auch der Demokratie führt. Somit erfahren die Jugendlichen, dass es sich lohnt, sich am ­Gemeinwesen zu beteiligen – und werden es als Erwachsene weiterhin tun.

Carsten Roeder, Trainer und Moderator für Kinder- und Jugendbeteiligung, Itzehoe/Schleswig-Holstein/D
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aus: Szene Alpen Nr. 97 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/5017)