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«Die Generation, auf die es ankommt»

SA 97: "Die Generation, auf die es ankommt"

«Wirklich hinhören, was die Jugendlichen wahrnehmen und denken», wünscht sich Lars Keller. © Caroline Begle/CIPRA International

In Sachen Lebensqualität war die Meinung Jugendlicher bisher kaum gefragt. Grund genug für Lars Keller, den Geographen der Universität Innsbruck/A, das Gespräch mit jungen Menschen aus verschiedenen Alpenregionen zu suchen. Er forscht gemeinsam mit ihnen an diesem Thema.
Herr Keller, wie beurteilen Jugendliche die Lebensqualität in den Alpen?
Die überwiegende Mehrheit der Jugendlichen empfindet eine hohe oder sehr hohe Lebensqualität. Das ist an sich schon eine sehr erfreuliche Aussage. Nach der persönlichen Lebensqualität befragt, ist die Bewertung dabei sogar noch etwas höher, als bei der Beurteilung der Lebensqualität allgemein in der Region. Das heisst, die Jugendlichen erkennen, dass die Situation anderer Leute schwieriger sein könnte als ihre eigene, was auch als indirekter Ausdruck von Solidarität interpretiert werden kann.

Aus welchen Gründen bewerteten sie die Lebensqualität hoch?
Die Gründe sind vielfältig, aber es gibt den Trend, der sich auch in anderen Lebensqualität-Studien in den Alpen abzeichnet, nämlich, dass sich die Jugendlichen im inneralpinen Raum mehr mit den traditionellen Werten identifizieren als ausserhalb der Alpen. So scheinen traditionelle Werte wie etwa Familie, Freunde, sozialer Zusammenhalt, Arbeit am Ort oder etwa auch Religion wichtig. Eine Arbeits­gruppe in unserem Projekt «LIFE eQuality?» wählte zum Beispiel das Thema Dialekt; auch hier erkennt man einen konservativen Ansatz. Die Identifikation mit der eigenen Heimat, mit dem, was sie umgibt, bedeutet den Jugendlichen viel.

Gibt es Unterschiede zwischen den Ländern oder auch zu Europa?
Bei den Jugendlichen in unseren Projekten, die aus Tirol, Südtirol, Bayern und Graubünden stammen, haben wir relativ wenige Differenzen gefunden. Bei der Erstellung einer «Postkarte aus der Heimat» – eine Methode aus den Sozialwissenschaften – haben alle bis auf einige wenige Berge, Sonne, Wolken und vielleicht noch ein Gipfelkreuz und eine Skipiste gezeichnet; oder etwa das eigene Haus mit Garten. Nur einzelne haben einen Globus gemalt, die waren weiter in ihrer Wahrnehmung von «Heimat». Ich wage zu behaupten, dass Jugendliche in Berlin da grundsätzlich etwas anderes zeichnen.

Sie beschäftigen sich schon einige Jahre mit dem Thema Lebensqualität in den Alpen. Was fällt auf?
Auffallend ist, dass bei den Forschungen und Studien hauptsächlich Erwachsene anvisiert werden, unter anderem Seniorinnen und Senioren. Nicht, dass diese Gruppe nicht wichtig wäre, aber warum befragt man nicht auch Jugendliche? Sie haben ein längeres Leben vor sich und es ist wichtig zu wissen, was diese Generation denkt und bewegt, die dann in fünf oder zehn Jahren die Geschicke ihrer Regionen leitet. Hier sind wir also auf eine Lücke gestossen.

Haben Sie eine Erklärung für diese Lücke?
Nur eine selbst gestrickte: Es ist vermutlich viel leichter und scheint logischer, Erwachsene einer Befragungssituation auszusetzen. Die Befragung an sich, so wie sie mit Erwachsenen gemacht wird, funktioniert gar nicht mit jungen Leuten. Wobei ich aber behaupten würde, dass sie mit Erwachsenen auch nicht so gut funktioniert wie wir uns das gerne vorstellen.

Wie sollten junge Menschen also einbezogen werden?
Wir verfolgen in all unseren Projekten, etwa in «LIFE eQuality?» oder «LQ4U», die Idee, längerfristig mit ihnen zusammen zu arbeiten. Ausserdem – und das ist eine Innovation – betreiben wir nicht nur Lebens­qualitätsforschung über Jugendliche, also Erwachsene erforschen Jugendliche, sondern tun es mit ihnen gemeinsam. Darin sehen wir einen sehr grossen Mehrwert. So stossen die Jugendlichen auf ihre eigenen Fragen und Themen, die ihnen wichtig sind. Sie beschäftigen sich intensiver damit, und wenn sie dann andere Jugendliche befragen, gibt es ganz andere Ergebnisse, als wenn ich als Erwachsener mit grosser Distanz die Fragen stelle.

Worauf sollte man in der Arbeit mit Jugendlichen achten?
Man sollte ihnen wirklich Zeit und Raum zum Denken und zur Diskussion geben. Denn das ist etwas, was in der Schule normalerweise eher fehlt. Dort ist alles relativ starr an Stunden, Pausen oder Tests orientiert, sehr durchstrukturiert. Das muss man nicht komplett in Zweifel ziehen, aber viele Dinge erreicht man dadurch nicht. Gerade die hochgesteckten Ziele einer Bildung für nachhaltige Entwicklung sind meiner Meinung nach unter den gegebenen Umständen schulischer Strukturen nur schwer bis gar nicht zu erreichen.

Wie wichtig sind digitale Medien in der Arbeit mit Jugendlichen?
Da bin ich sehr gespalten. In unseren Projekten sind diese insofern wichtig, als die Jugendlichen aus verschiedenen Regionen so in Kontakt bleiben können, aber man sollte diese Medien nicht als Selbstzweck sehen. Wichtig ist die inhaltliche Arbeit, und die kann auch mit Papier und Bleistift oder Tafel und Kreide erfolgen.
Würden Sie Tafel und Kreide vorziehen?
In manchen Situationen schon. Für eine Organisation wie die CIPRA oder ein grösseres Forschungsprojekt, bei dem man über grosse Distanzen arbeiten muss, braucht man natürlich digitale Medien. Trotzdem sollte man vorsichtig sein und sich nicht zu viel davon versprechen. Auch sollte man nicht glauben, dass die jungen Leute automatisch professionell damit umgehen können, nur weil sie eben jung sind. Es gibt ja dieses geflügelte Wort von den «digital natives», aber wie wir in unseren Projekten erfahren haben, sind sie manchmal eher «digital naives», die beispielsweise ein Forum nicht unbedingt logisch aufbauen können. Im Übrigen zeigte sich bei einer unserer Befragungen, dass für die meisten Jugendlichen Facebook zwar sehr wichtig ist, dieses aber nicht unbedingt ihre Lebensqualität verbessert, sondern durch Gruppenzwang, ungewollte Veröffentlichung von Fotos, Mobbing etc. sogar verschlechtert. Die Jugendlichen fanden dieses Ergebnis selber hochinteressant.

Wie kann man Jugendliche also am besten erreichen?
Am besten wohl im Gespräch. Die Idee, Jugendliche über Jugendliche zu erreichen, finde ich dabei sehr grundlegend. Wenn man junge Leute hat, die überzeugt sind von etwas und die wiederum andere Jugendliche ansprechen, dann ist das sicher wertvoller als wenn ich es selber mache. Aber natürlich kann man auch als Erwachsener mit Jugendlichen «ganz normal» sprechen. Jugendliche sind relativ offen für viele Dinge, und sie sagen dir ganz klar, wenn sie keine Lust haben. Sie wissen ihre Entscheidungen zu treffen.

Hat sich die Sichtweise der Gesellschaft auf Jugendliche verändert?
Es gab irgendwie immer schon ein schlechtes Bild von den Jugendlichen, und besonders positiv ist es auch heute nicht. Komplett zu Unrecht, wie ich finde, weil die Jugendlichen von heute wesentlich kompetenter im Umgang mit vielen Dingen sind. Wir Erwachsene setzen sie natürlich auch vielen Einflüssen aus, von denen ich froh bin, dass ich sie in meiner Jugend nicht habe erleben müssen.

Wie kann man Jugendliche zukunftsfähig machen?
Ich kann sie nicht wirklich zukunftsfähig machen, ich kann ihnen lediglich helfen, gewisse Kompetenzen zu entwickeln, die sie im besten Falle etwas «fitter» machen für die Zukunft. Schulunterricht trainiert häufig nur die Fähigkeit, etwas zu reproduzieren, das ich gelesen habe oder das jemand gesagt hat. Dies wäre für ein modernes Leben wesentlich zu wenig. Wir sollten den Jugendlichen vermitteln, sich intensiv und ernsthaft mit Inhalten und Methoden auseinanderzusetzen, multiperspektivisch an Themen heranzugehen und synthetisierend zu denken. Nie aufzuhören nachzudenken, und dass dazu die aktive Handlung gehört – weil ohne Handlung alle vorbereitende Reflexion überhaupt nichts bringt. Wenn man ihnen das mitgeben kann, sind sie sicher zukunftsfähiger als die Generationen vor ihnen.

Was können Jugendliche zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen?
Sehr viel meiner Meinung nach, wenn nicht alles. Das ist jetzt die Generation, auf die es ankommen wird. Was sie jetzt sofort beitragen kann: partizipieren. So viel wie möglich.

Gibt es denn viele Möglichkeiten zur Partizipation?
Es gäbe sie. In Österreich etwa liegt das Wahlalter bei 16 Jahren. Ob das sinnvoll ist, ohne dass man die jungen Leute auch «wahlfähig» macht, sei dahingestellt. Andererseits: Wie viele Prozent der Erwachsenen sind wahlfähig? Das ist eine schwierige Diskussion, aber trotzdem habe ich das Gefühl, dass man die Jugendlichen sehr unvorbereitet lässt. Also bringt ihnen das Wahlrecht eher wenig. Und Jugendparlamente sind in der Regel nur Übungsbühnen für etwas, was später vielleicht einmal stattfinden könnte. Wirkliche Rechte und Partizipationsmöglichkeiten haben Jugendliche dann doch nicht. Andererseits muss man sagen, dass «Kinder an die Macht» auch keine Lösung ist. Weil man sehr viele Dinge erst begreift, wenn man etwas abstrakter und vor allem komplexer denken kann. Natürlich gibt es 16- bis 18-Jährige, die dies können, allerdings muss man ihnen auch die Möglichkeit geben, sich mit einer Thematik intensiver auseinanderzusetzen. Und es soll den jungen Menschen gerecht werden. Das ist eine grosse Aufgabe, und da müssten wahrscheinlich alle Organisationen wesentlich mehr in ihre Jugend­arbeit investieren.

Was kann also eine NGO wie die CIPRA tun?
Ich denke, man müsste wesentlich intensiver Jugendarbeit betreiben. Diese dürfte allerdings auf keinen Fall missbraucht werden, etwa indem man Jugendliche anwirbt, die dann etwas Bestimmtes laut Verbandsaussage wiedergeben müssen, was dann der Politik verkauft wird. Ich rede von ganz ehrlicher Arbeit. Wirklich hinhören, was die Jugendlichen wahrnehmen und denken – weil dies teilweise ganz erheblich von der Perspektive Erwachsener abweicht. Auch legen Jugendliche oft auf ganz andere Dinge Wert als wir uns das so vorstellen, auch Dinge…

…die dann vielleicht nicht im Sinne der Organisation sind.
Ja, genau. Und das macht die Sache dann noch komplizierter. Trotzdem denke ich, ist es von grossem Wert, intensiv mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten. Und nach einigen Jahren sind die Jugend­lichen keine Jugendliche mehr und gehören zur kleinen Gruppe stark partizipierender Erwachsenen. Diese tragen dann sämtliche Organisationen und Institutionen, den Staat an sich, ganz Europa, die Welt, in dem, was sie tun oder eben nicht tun. Auch insofern lohnt es sich also ganz bestimmt, in die Jugend ­­zu investieren.

Interview: Caroline Begle, CIPRA International
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Lars Keller arbeitet am Institut für Geographie der Universität Innsbruck/A. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Didaktik der Geographie und Wirtschaftskunde sowie Lebensqualitäts- und Alpenforschung. Zu seinen Veröffentlichungen gehören transferorientierte und wissenschaftliche Publikationen ebenso wie etwa eine eigene Schulbuchreihe bzw. die Herausgabe einer Fachdidaktikzeitschrift. Seit 2010 leitet er u.a. die Projekte «LIFE eQuality?» und «LQ4U», die sich mit dem Phänomen Lebensqualität aus der Perspektive junger Menschen im Alpenraum befassen. Wesentlich ist dabei die enge Zusammenarbeit mit den Jugendlichen, mit denen die Thematik gemeinsam erforscht wird.
www.uibk.ac.at/geographie
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aus: Szene Alpen Nr. 97 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/5017)