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Jung, klimabewusst und voller Tatendrang

Jung, klimabewusst und voller Tatendrang

Munterer Reigen auf schwammigem Grund: Im Sumpf sammeln die Jugendlichen Kneipp-Erfahrungen. © Eric Vazzoler

Jugendliche aus fünf Alpennationen engagierten sich im Rahmen des Projekts "My Clime-mate" für klimaneutrale Alpen. Ende Oktober haben sie Bilanz gezogen - und neue Pläne geschmiedet.
Primož Jeras ist sich nicht sicher, ob es hilft, wenn man beim Verlassen des Raums das Licht ausknipst. Er weiss: Allein kann man nur wenig bewirken. Andererseits: Wenn man zum Vorbild wird, bringt man vielleicht einen Stein ins Rollen. Deshalb knipst der 24-Jährige aus Kamnik in Slowenien das Licht immer aus, kauft möglichst regionale Produkte - und spricht in seinem Bekanntenkreis darüber.
Es ist ein milder Oktobermorgen, Sonnenlicht flutet durch die Glasfront in die Schulsporthalle der Schweizer Gemeinde Sörenberg in der UNESCO Biosphäre Entlebuch. An Tischen in Hufeisenform sitzen 33 Jugendliche aus Italien, Österreich, Frankreich und der Schweiz. Sie besprechen die Ergebnisse des Klimaprojekts "My Clime-mate". Die jüngsten sind 16 Jahre, die ältesten 24 Jahre alt. Sie alle wohnen in einer Mitgliedsgemeinde von "Allianz in den Alpen", einem Netzwerk von über dreihundert Gemeinden in sieben Nationen. Gemeinsam mit der Bevölkerung möchte das Gemeindenetzwerk den alpinen Lebensraum zukunftsfähig entwickeln nach dem Motto "Austauschen, Anpacken, Umsetzen". Auf diesem Weg begleitet die CIPRA das Gemeindenetzwerk seit vielen Jahren: Sie liefert Impulse, ermöglicht Projekte und leistet administrative Unterstützung (siehe Kasten).

Antworten auf den Klimawandel
"Viele Leute können sich Bioprodukte einfach nicht leisten", wirft Andrea Cleva, 22, in die Runde. Der Student aus Pordenone am Fusse der Dolomiten findet, der Staat sollte Klimaschützer belohnen und Klimasünder zur Kasse bitten. "Dann lassen die Menschen das Auto vielleicht in der Garage."
Wo das Hufeisen sich öffnet, stehen Katrin Löning und Peter Niederer und halten die Argumente der Teilnehmenden auf einem Flipchart fest. Die Workshop-Leiter erinnern sich an den Projektauftakt im Februar: Berührungsängste und Sprachbarrieren erschwerten die Zusammenarbeit. Jetzt, ein halbes Jahr später, sprudeln die Ideen und Gedanken - auf Englisch oder in der jeweiligen Muttersprache. Wer mehrere Sprachen spricht, flüstert seinem Nebenan die Übersetzung ins Ohr.
"Wir wollen junge Menschen für die Folgen des Klimawandels sensibilisieren", sagt Peter Niederer, Betreuer von "Allianz in den Alpen". Das Gemeindenetzwerk hat mit dynAlp-climate ein ambitiöses Klimaschutzprogramm aufgelegt und die CIPRA beauftragt, dieses zu leiten. Zwanzig Projekte von Gemeinden werden 2011 und 2012 im Rahmen des Programms gefördert. Das umfangreichste ist "My Clime-mate". "Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Frage, was wir konkret zum Klimaschutz beitragen können", sagt Katrin Löning vom Österreichischen Ökologie Institut, einer der Partner-Institutionen von "My Clime-mate".
Die Antworten finden sich in der Schulsporthalle auf Schulbänken vor der Sprossenwand. Hier stehen Nudelpackungen neben Postkartenstapeln, Broschüren, Poster und Kalendern. Was das mit Klimaschutz zu tun hat? Ein Blick auf die Pasta verrät: Die hellbraunen Dinkel-Makkaroni, die eine Projektgruppe gemeinsam mit einem Entlebucher Teigwarenhersteller entwickelte, sind ein von der Ähre bis zur Nudel kompromisslos regionales, also CO2-armes Produkt. Von jeder verkauften Packung der "Klimarönli" gehen zudem 50 Rappen in einen Fonds zur Rettung der Hochmoore im Entlebuch. Den Feuchtgebieten verdankt die Region ihren UNESCO-Titel; als gigantische Kohlendioxid-Speicher stehen sie unter besonderem Schutz. Sie werden regelmässig von nachwachsenden Bäumen und Sträuchern gereinigt. Auch bei diesem Stechen und Rupfen hat ein Team von "My Clime-mate" im Sommer mit angepackt.
Die Broschüren neben den Nudeln ermuntern zum verantwortungsvollen Umgang mit Wasser. Fotos zeigen Infotafeln, die ein "My Clime-mate"-Team am Ufer des Flusses So?a in Slowenien aufgestellt hat. Farbige Postkarten erinnern an den Wert natürlicher Ressourcen: Sie zeigen kleine Kunstwerke, die von Jugendlichen in der Natur geschaffen wurden. Blätter, Moos und Steine formen Strichmännchen, ein Miniatur-Mühlrad dreht sich in einem Gebirgsbach. Auf den Rückseiten findet man CO2-Spar-Tipps: Ökostrom bestellen, Stromsparleisten einsetzen, Pullover anziehen und die Heizung etwas runterdrehen. Wer eine Karte versendet, verspricht dem Empfänger, künftig CO2 zu sparen.

Karst und "Chrütli"
Nachmittags, nach dem Treffen in der Sporthalle, erkunden die Jugendlichen in kleinen Gruppen das Biosphärenreservat. Einige klettern in die Höhlen des Karstgebirges, andere waten in einer Kneippanlage durch eiskaltes Wasser und besuchen einen regionalen Kleinbetrieb, in dem Salben, Seifen und Badeöle hergestellt werden. Die Frau hinter der Naturkosmetik-Marke "Chrütlimacher", die Drogistin Silvia Limacher, lebt auf einem Gemeinschaftshof mit Rinder- und Schweinezucht. Im Untergeschoss des Hauses weicht der Stallgeruch dem Duft von Heublumen und Huflattich. In Regalen in ihrer kleinen Kräuterküche stehen Kanister und Dosen mit Wachs, Ölen, Salz und getrockneten Blüten. In einem Topf blubbert eine zähflüssige hellbraune Masse. "Ringelblumensalbe", sagt Silvia Limacher.
Auf einem Tisch stehen Gläser voller Blüten, Messbecher, zarte Fläschchen und Trichter auf. "Ihr dürft euer ganz persönliches Badeöl zusammenstellen", ermutigt Silvia Limacher ihre jungen Gäste. Schüchtern schnuppern die Jugendlichen an Blüten und Extrakten. Ob Karsthöhlen, Kneippanlage oder "Chrütlimacher": "Die Jugendlichen sollen den Reichtum der Natur sinnlich erfahren", wünscht sich Workshop-Leiterin Katrin Löning.
Eigentlich sind die Jugendlichen zu einem Abschluss-Workshop nach Sörenberg angereist. Als sie sich nach vier Tagen auf die Heimreise machen, ist ihre Motivation erst recht entfacht: Ein Team will eine Website erstellen, ein anderes kleine Filme drehen, die für das Thema sensibilisieren und per Internet oder Handy verbreitet werden können. Einige wollen ihre Forderungen der Lokalpolitik vortragen, andere in Grundschulen gehen und dort das Interesse der Kinder spielerisch wecken. Das Gemeindenetzwerk wird den Jugendlichen weiterhin zur Seite stehen, damit sie ihre Ideen und Vorhaben realisieren können.
Ihre Ergebnisse möchten die Teilnehmenden im September 2012 auf der Alpenwoche im schweizerischen Valposchiavo präsentieren. Der Klimawandel wird die Jugendlichen also so oder so in Zukunft beschäftigen - auch wenn alle "Klimarönli" bald aufgegessen und die Natur-Skulpturen zerfallen sind.

Mathias Becker (Text) und Eric Vazzoler (Fotos), Zeitenspiegel Reportagen

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Gemeinden gemeinsam für den Klimaschutz
"Allianz in den Alpen" (AidA) ist ein Zusammenschluss von über 300 Gemeinden, die sich gemeinsam dafür einsetzen, die Alpen als zukunftsfähigen Lebensraum zu gestalten. Die CIPRA war 1997 an der Gründung des Gemeindenetzwerks beteiligt und nimmt seit 2000 einen Teil der Sekretariatsaufgaben für das Netzwerk wahr.
Die CIPRA International hat das Programm dynAlp-climate für AidA ausgearbeitet und dessen Leitung übernommen. Sie koordiniert die Auswahl und Umsetzung der 20 finanzierten Projekte - darunter My Clime-mate, die Organisation von Veranstaltungen sowie die an die Mitgliedsgemeinden und an andere Zielgruppen gerichteten Kommunikationsaktivitäten zum Thema Klimaschutz. Das Programm mit einer Laufzeit von 3 Jahren verfügt über ein Budget von 800.000 Euro, das von der MAVA-Stiftung für Naturschutz finanziert wird, sowie über Kofinanzierungen durch die Gebietskörperschaften und das EU-Projekt "Jugend in Aktion".