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Neues Leben für die alpine Brache?

Bald schon Zukunft vieler peripher gelegener, ländlicher Alpenregionen? Verlassenes Bauernhausim Tiroler Lechtal/A.

Bald schon Zukunft vieler peripher gelegener, ländlicher Alpenregionen? Verlassenes Bauernhausim Tiroler Lechtal/A. © CIPRA

Die CIPRA-Jahresfachtagung 2010 rückte Randregionen ins Zentrum - Die Alpen als Ganzes sind keine Randregion. Aber innerhalb der Alpen gibt es viele periphere Räume, wo die Besiedelung zunehmend in Frage gestellt wird. Welche Chancen und Risiken haben diese Regionen? Die CIPRA ergründete diese Frage an der Jahresfachtagung im Oktober 2010 in Semmering/A und förderte so den Dialog über räumliche und fachliche Grenzen hinweg.
Räumen wir zu Beginn gleich mit einem Missverständnis auf: Es geht nicht um «die» Alpen! Wenn die CIPRA zur Tagung über periphere Regionen einlädt (siehe Kasten), sind nicht «die Alpen» gemeint, zumindest nicht der gesamte Alpenraum. Ein Blick beispielsweise auf österreichische Raumanalysekarten zeigt, dass der Alpenraum in Österreich denselben Verstädterungsgrad und dieselbe Wirtschaftsstruktur aufweist wie der nichtalpine Raum. Auch die Peripherität ist kein Alpenspezifikum. Allerdings sind nirgends die Differenzen zwischen Luftlinien- und realen Verkehrsdistanzen so gross wie in den Alpen. Benachbarte Täler liegen mitunter noch immer gefühlte Welten auseinander.
Nicht die Alpen generell sind also ein peripherer Raum, sondern die Alpen weisen – wie die meisten europäischen Landschaften auch – periphere Räume auf. Oder anders gesagt: Die Alpen sind überall.

Klimawandel als Chance?
Die unerfreulichen Entwicklungstendenzen in den peripheren Räumen – und über die sprechen wir – sind hinlänglich bekannt. Überalterung der in den Regionen verbleibenden Bevölkerung, verbunden mit tendenziell niedrigeren Bildungsstandards und geringerer Mobilität. Will man die heutigen Versorgungsstandards überall aufrechterhalten, führt das unweigerlich zur Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Öffentliche Dienstleistungen und mobile Versorgungsdienste in zersiedelten Strukturen bringen exorbitante Mehrkosten mit sich: Die Erschliessungskosten für eine Bebauung mit frei stehenden Einfamilienhäusern sind etwa doppelt so hoch wie für verdichtete Bauten in der Ebene. Exorbitant sind die Unterschiede bei den Transportkosten für soziale Dienste wie Schülertransport, Heimhilfe oder Essen auf Rädern. Sie steigen bei starker Zersiedlung auf das Zehnfache und darüber hinaus.
Für die immer wieder geäusserte These, dass Ehrenamtlichkeit die Kosten abfedere und zum sozialen Zusammenhalt beitrage, gibt es bislang wenige empirische Beweise. Eine «Regionalwährung», wie sie zurzeit in verschiedenen Gebieten vor allem ausserhalb der Alpen ausprobiert wird, bringt auch in der Peripherie interessante Ansätze. Eine solche Währung ist jedoch nur in geschlossenen Systemen umsetzbar; die nachgefragte Leistung muss innerhalb der Region verfügbar sein – was gerade in der Peripherie oft nicht der Fall ist.
Viele periphere alpine Regionen sehen im Klimawandel eine neue Chance: Ein Fokus auf Gesundheitstourismus ist genauso denkbar wie die Aufwertung als alternative Destinationen, wenn es im Süden Europas unangenehm heiss wird. Dabei stellen sich dieselben Fragen nach den Grenzen wie bei jeder touristischen Entwicklung: Eine monostrukturelle Wirtschaft ist krisenanfällig und kaum nachhaltig – und Tourismus kann nicht die Lösung aller Strukturprobleme in peripheren Räumen sein.
Auch wenn es bislang ein Tabuthema ist: Mittelfristig wird die Gesellschaft nicht um den Rückbau von Infrastrukturen in gewissen Gebieten herumkommen. Ausschlaggebend für das Überleben in Randregionen wird die Frage sein, wie Entscheidungen fallen, welche Leistungen zuerst zurückgenommen werden und ob die immer wieder geforderte Sozialverträglichkeit des Rückbaus tatsächlich eingelöst werden kann.

Die Spitze des Problembergs
Die Alpen weisen – wie andere Grossräume auch – Besonderheiten auf. Eine ist die Zuspitzung generell vorhandener Tendenzen und Probleme auf Grund der naturräumlichenSituation. Die sensiblen Gipfelzonen des Kontinents stellen somit die Spitze des Problembergs dar. Gerade deswegen kommt den Alpen einerseits eine Modellfunktion für Europa zu, andererseits hat die Entwicklung des Einzugsgebiets starke und unmittelbare Auswirkungen auf die Alpen. Werner Bätzing erklärt in seinem Buch «Die Alpen. Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft», dass wegen der engen funktionalen Verflechtung der Alpen mit Europa und der Welt die Probleme nicht allein in den Alpen selber gelöst werden können.
Für eine nachhaltige Entwicklung in den Alpen braucht es also nachhaltige europäische und globale Rahmenbedingungen. Natürlich kostet das Geld. Es braucht Finanzierungen für innovative Lösungen, die nicht nur die folgenden Generationen betreffen, sondern diese auch bereits bei der Entscheidungsfindung partizipieren lassen. Es braucht Geld auch für geordneten Rückbau, dafür weniger Geld für «more of the same», den unkritischen Ausbau.

Kooperationen über Grenzen hinweg
Die Bildung von Kleinregionen als freiwillige Zusammenschlüsse kann für die Mobilisierung der lokalen Kreativität wichtig sein. Diese Kleinregionen sollten bei der Erfüllung von Nachhaltigkeitskriterien für Bottom-up-Initiativen finanzielle Unterstützung seitens der Länder erhalten. Gefragt sind Strategien und Massnahmen, die es den BewohnerInnen ermöglichen, ihre Interessen (wieder) eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten und zu gestalten.
Was für die alpine Zukunft jedenfalls notwendig ist, ist der Blick über den eigenen Tellerrand. Es braucht Kooperationen sowohl innerhalb des Alpenraums, etwa durch wichtige Netzwerke wie «Allianz in den Alpen» oder Alpine Pearls, als auch sektorüber-greifend und mit andern peripheren Räumen Europas. Gemeint sind nicht nur Kooperationen von Berggebieten – also Alpen gemeinsam mit Karpaten und Dinariden gegenüber dem Rest Europas –, sondern auch Kooperationen mit anderen Grossräumen, die in sich ebenfalls periphere Lagen aufweisen.
Ob eine Kooperation mit randalpinen Gebieten für die Alpen gewinnbringend ist, ist zurzeit Gegenstand der Diskussion. Die angedachte Alpenraumstrategie – analog der Ostsee- und der Donauraumstrategie – ist an sich kein schlechter Gedanke (siehe Seite 19). Wichtig ist: Was wir benötigen, sind keine angsterfüllten, sondern visionäre Diskussionen, die vom alpinen und peripheren Selbstvertrauen geprägt sind.

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Neue Impulse für strukturschwache Berggebiete:
Patentrezepte zur Lösung der Probleme in peripheren Räumen gibt es keine. Dies wurde deutlich an der CIPRA-Jahresfachtagung «Die Alpen im Wandel – PeriphereRegionen zwischen Brachland und Hoffnung» von 14. bis 16. Oktober 2010 in Semmering/A. Die Gegebenheiten und Nutzungsansprüche in den einzelnen Regionen des Alpenraumes sind derart unterschiedlich, dass es ihnen in ebenso vielfältiger Weise zu begegnen gilt.
Die Tagung verdeutlichte auch, dass die Entscheidungsträger erst am Anfang der Wahrnehmung jener Probleme stehen, denen sich abgelegene Räume in inneralpinen Lagen zu stellen haben. Es gibt Diskussions- und Handlungs-bedarf für eine nachhaltige, zukunftsorientierte Entwicklungperipherer ländlicher Alpenregionen. Die CIPRA wird sich dieser für den Alpenraum wichtigen Thematik weiterhinannehmen. Ein wesentliches Ziel ist, eine Vision 2030 auszuarbeiten, um mögliche Zukunftsaussichten und Perspektiven für strukturschwache Berggebiete aufzuzeigen. Weitere Infos siehe: www.cipra.org/de/jf2010
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aus: Szene Alpen Nr. 95 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/4586)
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