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«Langsamer werden, damit das Gehirn nachkommt»

Hermann Knoflacher

Hermann Knoflacher © Tatjana-Tupy

Im Gespräch mit Hermann Knoflacher - Im Alpenraum werden laufend Strassen erweitert und neu gebaut. Dabei liessen sich Verkehrsproblemeeinfacher und billiger lösen. «Reissen wir die Fahrbahnen ab», sagt Hermann Knoflacher. Der österreichische Verkehrsexperte im Gespräch über das Virus Auto, die Interessen der Banken und die Alpen als Modellregion für eine nachhaltige Verkehrspolitik.
Herr Knoflacher, in den Alpen sind einige grössere Verkehrsprojekte geplant, so zum Beispiel der Brennerbasistunnel. Löst er das Problem des alpenquerenden Transitverkehrs?
Nein, es braucht ihn nicht. Die Feigheit der Verkehrspolitiker und die Dummheit der Experten können nicht durch Löcher im Berg ersetzt werden.

Was meinen Sie mit Dummheit?
Sie schaffen Rahmenbedingungen, die mehr Verkehr bringen. Der Mensch passt sein Verhalten der Infrastruktur an. Bauen Sie falsche Infrastruktur, dürfen Sie sich über Lärm, Abgase, Zerschneidung und Verkehrsunfälle nicht wundern.

Machen schnellere Trassen und Tunnels die Bahn nicht attraktiver?
Man ist ja früher schneller gefahren als heute. Ausserdem waren viel mehr Orte mit der Bahn direkt erreichbar.

Wo hapert es denn?
Der öffentliche Verkehr scheitert an der Zugänglichkeit: Die Haltestellen werden immer weniger, sind schlecht erreichbar und die Alternative Auto steht direkt vor der Haustür. Man muss in Rollmaterial, Fahrpläne, Knotenpunkte und Bahnhöfe investieren. Das aber will man nicht hören, weil die Tunnel- und Bankeninteressenz Riesenprojekte realisieren will.

Wer hat Interesse daran?
All jene, die eine grosse Menge Geld verschieben wollen, also die Bauindustrie und die Banken. Der Inntaltunnel in der Nähe von Innsbruck ist so ein Beispiel. Hier geht es ausschliesslich um die Verschiebung riesiger Geldmengen. Verkehrsplanerisch wären einfachere und kostengünstigere Lösungen möglich. Gibt es einen Vertrag für einen Tunnelbau, gibt es Provisionen. Ich habe bei meiner Arbeit erlebt, wie sich Meinungen von Politikern nach Kontakten mit Banken und Bauinteressen sehr rasch ändern können.

In welcher Grössenordnung muss man sich diese Provisionen denken?
Ein paar Prozent. Setzt man fünf Milliarden um, ist das sehr viel. Im Gegensatz zur Schweiz, wo das Geld in der Regel auf der Bank liegt bevor ein Projekt vergeben wird, werden in Österreich Schulden gemacht. Gibt es Schulden, hat man Finanzierungskosten. Und diese machen bei den langfristigen Tilgungshorizonten mindestens dieselbe Summe aus wie das Projekt selbst.

Wie bezahlen wir diese Schulden?
Mit unserer Gesundheit. Jeden Quadratmeter zuzubetonieren ist auch ein Verlust der landschaftlichen und kulturellen Identität. Ausserdem fehlt das Geld für die wichtigen Dinge wie Bildung. Die Baulobby ist so stark geworden, dass sie im Wesentlichen bestimmt, was zu tun ist.

Durchbohren wir die Alpen, bis uns das Geld ausgeht?
Wir haben schon lange keines mehr und haben Schulden für viele Jahrzehnte gemacht. Hoffnungen werden genährt – leider auch von Experten, die kräftig mitverdienen und absolut fragliche Gutachten schreiben. Diese verkaufen sie gemeinsam mit Medien und Politik an die Bevölkerung.

Welche Verkehrspolitik braucht es, damit sich die Alpen nachhaltig entwickeln?
Es braucht Ehrlichkeit und unabhängige Fachleute. Setzt man das heutige Wissen über die Wirkungsmechanismen des Verkehrs um, brauchen wir diese Megaprojekte alle nicht. Das bestehende System hat bei zeitgemässem Management und qualifizierter Verkehrspolitik ausreichende Kapazitäten.

84 Prozent der Urlaubsreisen in die Alpen werden mit dem eigenen Auto unternommen. Gibt es noch Tourismus ohne gut ausgebaute Strassen?
Selbstverständlich. Wären die Touristikerclever, würden sie die Täler frei von Strassen machen. Das führt zu mehr Lebensqualität in den Tälern und dem Interesse, vor Ort etwas zu bewirken. Zwangläufig würden sich viele Arbeitsmöglichkeiten einstellen. Die Leute sind ohne Auto geistig mobiler.

Treibt uns nicht ein natürliches Bedürfnis nach Mobilität an?
Wozu raus aus dem Tal, wenn es überall gleich ausschaut? Erst aus der Not am Ort entsteht das Bedürfnis, irgendwo anders hinzugehen. Einem glücklichen Menschen kann man hingegen nichts verkaufen. Wenn es dem Tourismus gelingt, eine solche Stimmung zu erzeugen, dann haben wir ein unschlagbares Potenzial: die Menschen.

Dann fahren wir als Touristen auch nirgends mehr hin?
Doch, aber nicht immer hin und her, die Ohren zugestöpselt, die Augen auf die Fahrbahn gerichtet.

Warum denn ist der Mensch so autofixiert?
Das Auto kompensiert wie kein anderestechnisches Hilfsmittel den evolutio-nären Mangel des Menschen: den aufrechten Gang. Die Körperenergie für physische Mobilität, ein lebenserhaltender Faktor, wird reduziert. Aber wir haben keine Vorstellung vomriesigen Flächenverbrauch und von den unglaublichen Energiemengen, die das Auto verschlingt. Wenn das Virus Auto bei uns im Kopf sitzt, sehen wir die Welt wie ein Auto.

Wie sieht denn ein Auto die Welt?
Wir tolerieren plötzlich, dass Fahrzeuge im öffentlichen Raum abgestellt werden,wo eigentlich Sozialkontakte und Wirtschaft stattfinden sollten. Jemand, der Krebs erregende und Erbgut verändernde Stoffe versprüht, wird als Krimineller eingesperrt. Ein Autofahrer hingegen emittiert massenhaft solche Stoffe, aber wir finden das ganz normal.

Wie werden wir dieses Virus wieder los?
Indem das Andocken des Virus an die Zelle verhindert wird. Das Problem sind die Parkplätze: Die Entfernung zum geparkten Auto muss grösser sein als zur nächsten Haltestelle.

In einer Stadt ist das recht einfach. Aber in einem Bergdorf?
Das Bergdorf hat vor dem Auto existiert.Die Leute glauben, es gebe keine Zukunft ohne Autos. Es gibt nur eine Zukunft ohne Autos! Die Motorisierung in den Städten nimmt seit Jahren ab. Man ist draufgekommen, dass es ohne Auto besser ist. Das wird auf dem Land noch dauern, aber dort wird man bald Schwierigkeiten bekommen.

Was für Schwierigkeiten?
Es wird zu teuer. Das Auto bindet sehr viel Geld und lenkt den Blick von der Nähe in die Ferne. Die Politik nützt das, sucht woanders nach Lösungen, statt dort, wo die Leute wohnen. Die Leute auf dem Land sind so abhängig vom Auto, sodass sie alles zerstört haben, was früher im Dorf war: Wirtshäuser, Handwerk, Know-how. Viele Dörfer sind nur mehr Schlaf- oder Tourismusorte. Die Leute sind irgendwie alle unzufrieden. Dafür arbeiten sie aber einen Tag in der Woche nur mehr fürs Auto.Viele Alpentäler entvölkern sich zunehmend. Die Menschen können dank der Strassen im Ort wohnen bleiben und pendeln.
Die Strassen sind die Ursache der Entvölkerung! Verbinde ich eine schwache Struktur mit einer starken, nehme den Widerstand dazwischen heraus, dann sauge ich die kleine Struktur zugunsten der grossen aus. An den Autobahnanschlüssen haben sich heute Parasiten internationaler Art angesiedelt, die gierigauf das Geld sind, aber keine sozialen Interessen mehr haben.

Was heisst das für die Verkehrs-planung?
Eine Siedlung muss auf eigenen Beinen stehen. Es braucht Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Schulen. Es gibt zwangsläufig auch immer Verkehrsbewegung nach aussen, für die man öffentliche Verkehrsmittel einsetzen muss. Sinnvoll aber sind nur fünf bis zehn Prozent des heutigen Autoverkehrs.
Ist ein hoher Benzinpreis eine Lösung?
Es ist völlig müssig, physisch falsche Strukturen über den Preis zu kompensieren. Der Preis ist sekundär. Man darf mit dem Auto nirgends mehr hinkommen. 1990 ist die Autobahnbrücke bei Kufstein eingeknickt. Es gab keinen Megastau, weil die Menschen auf die Bahn umgestiegen oder zu Hause geblieben sind.

Die Alpen sind ein natürliches Verkehrshindernis. Damit wären sie, nach Ihrer Auslegung, Modell-region für eine nachhaltige Verkehrspolitik.
Absolut. Man muss nur die Fehler der letzten 50 Jahre beseitigen. Das geht relativ schnell: Man gibt die Information durch: «Die Alpen sind für Durchfahrerauf der Strasse geschlossen». Der Fall ist erledigt. Die Leute sind nicht so dumm und versuchen irgendwo durchzufahren, wo es nicht geht.

Also heisst es: Autofahren ja, aber nur mit den Alpen als Ziel?
Die Alpen müssen erreichbar sein, dürfen aber nicht mit geparkten Autos vollgestopft werden. Die Leute geben heute Tausende Euros für Trekking in Nepal aus, weil es dort keine Strassen gibt. Geld wird nur dann ausgegeben, wenn die Leute hungrig und durstig sind, nicht wenn es Strassen gibt.

Wie schauen die Alpen 2050 aus?
Besser als jetzt – sofern es uns gelingt, die Alpen von unsinnigen Fahrbahnen und Parkplätzen zu befreien. Die Fahrbahnen sind heute so flach, da kann man ein Geleis drauflegen. Die Eisenbahn zwingt die Leute, miteinander zu reden. Als Resultat hätten wir gute soziale Netzwerke. Und die Eisenbahn bringt Arbeitsplätze in die Täler. Die Älpler waren früher zähe Burschen, gingen besonnen mit der Natur um. Heutesind sie hinterm Steuer verkommen. Wir müssen wieder langsamer werden, damit das Gehirn nachkommt.

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Mobilitätsvirologe und Gesellschaftskritiker:
Der Verkehrsplaner Hermann Knoflacher polarisiert mit provokativen Äusserungen wie «das Virus Auto». Dieses bestimme unsere Gesellschaft über unser Mobilitätsverhalten hinaus. Der 70-jährige «Mobilitätsvirologe»stellt die Fussgänger in den Mittel-punkt. Er empfiehlt, Fahrbahnen abzureissen, Hindernisse zu errichten und Parkplätzen zu eliminieren. Denn Infrastrukturen, sind sie erst einmal gebaut, verändern langfristig unser Mobilitätsverhalten, findet der Professor für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien/A. Anders gesagt: Neue Strasse, Brücken und Tunnels bringen mehr Verkehr statt weniger Staus. Dass sie trotzdem gebaut werden, liege an den finanziellen Interessen von Banken, Bauindustrie und Politikern unter Mithilfe der Medien:«Hohe Geschwindigkeiten sind ein Machtinstrument, insbesondere zur Ausbeutung von Menschen und Ressourcen geworden.» Die jeweils grössten Kapitalgruppen profitierten daher von schnellen Systemen. «Da diese auch die öffentliche Meinung machen, ist es ihnen ein Leichtes, das System nach ihrem Gutdünken und ihren Wünschen zu bestimmen.»
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aus: Szene Alpen Nr. 94 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/4542)