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Aufbruch in Andermatt?

Andermatt

Andermatt © Andermatt Swiss Alps Ltd

Touristische Grossprojekte bringen Arbeitsplätze – und neue Abhängigkeiten: Der ägyptische Investor Samih Sawiris stellt den Bewohnern von Andermatt in der Schweiz mit seinem Ferienresort Arbeitsplätze, Geld und warme Betten in Aussicht. Kann er seine Versprechen einlösen?
Eine Milliarde Franken verspricht die Milliardärin Claire Zachanassian den Einwohnern der veramten Kleinstadt Güllen. Wenn sie dafür Alfred Ill umbringen, von dem sie in jungen Jahren ein uneheliches Kind erwartete. Diese Forderung lehnen die Bewohner zunächst entrüstet ab, doch seltsamerweisebeginnen sie, Geld auszugeben und Kredite aufzunehmen. In der Gemeindeversammlung beschliessen sie wenig später den Fememord. Alfred Ill wird in der Menge erdrückt. Der Arzt schreibt «Herzschlag» auf den Totenschein. Friedrich Dürrenmatts Klassiker «Der Besuch der alten Dame» wird derzeit im schweizerischen Andermatt neu aufgeführt. Mit offenem Ende. 1,5 Milliarden Franken – gut eine Milliarde Euro – will der ägyptische Investor Samih Sawiris bis im Jahr 2020 in sein Luxusresort «Andermatt Swiss Alps» investieren. Er hat sechs Hotels im 4- und 5-Sterne-Segment geplant, 500 grosszügige Wohnungen in 42 Häusern und 25 Villen. Weiter hat er einen 18-Loch-Golfplatz skizziert, ein Sport- und Freizeitzentrum sowie eine Konferenz- und Konzerthalle. Auch das Skigebiet soll erweitert, Andermatt mit Sedrun verbunden werden.

Sieben Bauernhöfe geopfert
Der bisher einzige Tribut an Sawiris: eine Fläche von sieben Bauernhöfen. Der wurde – bei diesen Aussichten – gerne gezahlt. So rechnet eine Studie der Urner Kantonalbank mit 2’600 neu geschaffenen Arbeitsplätzen im Resort und 2’300 indirekten in der Region. Weiter locken 165 Millionen Franken an zusätzlicher Wertschöpfung in den ersten Jahren, ab 2018 sollen es gar 500 Millionen Franken pro Jahr sein.
«Es herrscht eine grosse Aufbruchsstimmung im Dorf», stellt Gemeindepräsident Karl Poletti fest. An allen Ecken und Endenwerde derzeit renoviert. Doch mit Flickarbeiten ist es nicht getan. Gefragt ist Unternehmergeist, wie in der Studie «Standortpotenziale Urserntal» des Instituts für Nachhaltige Entwicklung der Zürcher Hochschule Winterthur nachzulesen ist. «Je breiter die Freizeitangebote ausserhalb des Resorts sind, desto mehr Gewinn bleibt im Dorf», sagt Studienleiter Erich Rennerin der Schweizer Architekturzeitschrift «Hochparterre». «Dieses Angebot muss bis zur Eröffnung des Resorts stehen. Sonst kommen die Gäste einmal und nie wieder.»
Die Planung ist angelaufen: Für die Verbindung der Skigebietevon Andermatt und Sedrun soll ein ganzes Tal mit sieben Skiliften, mindestens einem Restaurant und einem Speichersee für die künstliche Beschneiung neu bebaut werden. Für Landschaft und Energieverbrauch ein fragwürdiger Ausbau, wie «Hochparterre» festhält.

Klumpenrisiko im Tal
Werden die Bewohner von Andermatt die Impulse nutzenkönnen? Dominik Siegrist, Präsident von CIPRA International, ist skeptisch: «Über viele Jahrzehnte hinweg hatte Andermatt mit der Armee einen starken Arbeitgeber. Doch ein Waffenplatz braucht keine innovative Bevölkerung. Man muss einfach die Bedürfnisse des Militärs erfüllen. Diese langjährige Abhängigkeit hemmt die Innovationskraft einer Region». Jetzt, sagt Siegrist, drohe erneut die Abhängigkeit von einem einzigen Arbeitgeber: Samih Sawiris. Ein enormes Klumpenrisiko, für den ganzen Kanton. Zudem würden keine oder nur wenige hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen.
Sawiris hat wiederholt betont, dass er sich langfristig inAndermatt engagieren will. Dass er nicht den schnellen Profit sucht. Allerdings ist ungewiss, ob das Projekt langfristig rentabel ist. Die Beispiele Aminona, Siviez und Thyon 2000 aus den Siebzigerjahren lehren, dass die Anfangseuphorie in Tristesse umschlagen kann. Selbst ein «integrierter Tourismusort» wie Thyon 2000 im Wallis mit Übernachtung, Service, Gastronomieund Freizeitangebot aus einer Hand zeigte keinen nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg. Alle Appartements wurden als Stockwerkeigentum ohne Mietanreize weiterverkauft, zurück blieben kalte Betten und verlotterte Häuser.
Dieses Schicksal drohe den «integrierten Tourismusorten»auch heute, sagt Thomas Ammann vom Planungsbüro arcalpin. Denn anders als in Frankreich, wo sich der «soziale Tourismus» etabliert habe, wo im Winter jedes Wochenende Tausende von Mietern spartanisch eingerichtete Ferienwohnungen tauschen, habe man in der Schweiz das Problem der kalten Betten bis heute nicht lösen können. «Die Hauptmotivation für den Bau dieser neuen Generation von Tourismus-orten liegt ganz klar im kurzfristigen Gewinn durch den Verkauf der Immobilien.»

Kalte Träume statt warme Betten
Sawiris will die Hälfte aller Zweitwohnungen im «Andermatt Swiss Alps» warm halten. Im Hotel Chedi sollen sogar alle der 120 zum Kauf stehenden Objekte von der Hotelbetreiber-firma an Vermieter vermittelt werden. Allerdings, und dies ist der entscheidende Schwachpunkt, wird die Vermietungspflicht nicht im Grundbuch eingetragen. Also wird niemand prüfen, ob die Wohnungen tatsächlich weitervermietet werden. Im Übrigen lehrt die Erfahrung: Je teurer die Wohnung, desto geringer die Lust am Vermieten. Es ist also fraglich, ob es Sawiris gelingen wird, ein ganzjährig belebtes «Neu-Andermatt» zu schaffen. Auch die Auswirkungen im gesellschaftlichen Bereich sind unbekannt. Laut einer Studie der Hoch-schule Luzern-Soziale Arbeit, die das Resort-Projekt bis 2020 begleitet, steht die grosse Mehrheit der Andermatterinnen und Andermatter dem Grossprojekt positiv gegenüber. Gleichzeitig möchten diese aber, dass die Dorfgemeinschaft so bleiben kann, wie sie ist. Sie wollen nicht, dass Andermatt zu einem zweiten St. Moritz wird und dass die Lebenshaltungskosten weiter steigen. Sicher ist nur: Andermatt wird sich verändern. Radikal.

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«Konzepte statt Traumwelten!»
Ein Kommentar von Philipp Maurer, Geschäftsführer der Bausatz GmbH in Zürich/CH.
Die Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre hat die Goldgräberstimmung rund um die vielen geplanten Alpen-Resorts gedämpft. Eine Ausnahme bildet das Projekt inAndermatt, wo der ägyptische Investor Samih Sawiris inzwischen die ersten Bauarbeiten ausgelöst hat. Über die meistenanderen Projekte wird nicht mehr geredet. Das ist der stumme Beweis, welche Interessen auf der Investorenseite bestehen: Gewinn durch Verkauf von Wohnungen. Ein echtes Engagement für die nachhaltige Entwicklung einer Region hätte sich in einer Krisenzeit nicht völlig in Luft aufgelöst.
Vielleicht unterscheidet sich Andermatt tatsächlich in diesem Punkt vom ganzen Rest. «Andermatt Swiss Alps» hat zwar ebenfalls einige krumme Kurven hinter sich. Die «Lex Koller» beispielsweise, ein Gesetz über den Erwerb von Grundstückendurch Personen im Ausland, wurde kurzerhand ausser Kraft gesetzt. Mit viel Kommunikationsgeschick und aufwendiger Planung aber wird das Projekt Schritt für Schritt der Realisierung entgegengeführt. Doch stehen wir erst am Anfang. Der Verkauf der Wohnungen stockt. Ob dereinst der ganze Resort erstellt wird, weiss niemand. Und ob die Käufer und Mieter Gefallen finden an dem exklusiven Kulissendorf, sei dahin-gestellt. Eines aber wissen wir: Es gibt in den Alpen eine aufgeblasene Bauwirtschaft und zu viele geschlossene Fensterläden. Es fehlen nicht Zweitwohnungen, sondern Konzepte, wie die bereits erstellten Bauten nachhaltiger bewirtschaftet werden könnten. weitere Infos siehe: www.heimatschutz.ch
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aus: Szene Alpen Nr. 94 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/4542)