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Ein kostbarer Gast im Kastanienwald: Gemeindenetzwerk «Allianz in den Alpen»

Kleinabendsegler

Kleinabendsegler

Die kleine Fledermaus sah irgendwie anders aus. Feingliedrig, bräunlich, mit einem Ring am Flügel, kauerte sie in der Ecke des Nistkastens am Kastanienbaum. Nicola Zambelli streifte seine Handschuhe über und zog sachte an der Flügelspitze, um den Ring zu begutachten.
Der Verdacht des Biologen bestätigte sich: Das Tier war ein Migrant, der Unterschlupf gefunden hatte hier im Oberen Malcantone in der italienischen Schweiz. Es war ein Kleinabendsegler, der in Europa auf der roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten steht.
Bis zu diesem Tag im Spätsommer 2001 wussten nur wenige Tessiner, dass das milde Klima ihrer Region und die einzigartige Landschaft mit den Kastanienhainen nicht nur Touristen, sondern in der kalten Jahreszeit auch stille Gäste anlocken. Der sieben Zentimeter lange und nicht einmal 20 Gramm schwere Kleinabendsegler legt jedes Jahr mehr als 500 Kilometer von ­seinem Sommerquartier in Ostdeutschland bis ins Tessin zurück. Der Ring lieferte Informationen über seine Reisewege. Die Kastanienhaine in der Region des Oberen Malcantone, die mit ihren 27 Gemeinden Mitglied des Gemeindenetzwerks «Allianz in den Alpen» ist (siehe Kasten), sind wichtiger Lebensraum auch für Vögel, Eidechsen, Schmetterlinge und Siebenschläfer. Die Wälder haben internationale Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität erlangt. Doch sie sind bedroht: Obwohl tief in der Tradition der Region verwurzelt, geht die Bewirtschaftung seit einigen Jahrzehnten zurück.
Wenn man mehr über die Fledermäuse weiss, kann man auch das ökologische Gleichgewicht der Kastanienhaine insgesamt besser verstehen. Nicola Zambelli kontrollierte zusammen mit weiteren Fachleuten regelmässig die 200 Nistkästen in sieben Kastanien­hainen der Region. Die Untersuchungen im Rahmen des Programms DYNALP2 des Gemeindenetzwerks haben gezeigt, dass der Kleinabendsegler bewirtschaftete Kastanienwälder gegenüber nicht bewirtschafteten vorzieht. Für die Tessiner ist das ein Grund mehr, die traditionelle Bewirtschaftung zu fördern.
Sieben Jahre und 10’000 Feldaufnahmen später machte sich Nicola Zambelli – wie der Kleinabendsegler – auf den Weg, um über das Zusammenspiel von Fledermäusen, Kastanienhainen und Tessinern zu berichten. Er erzählte an internationalen Symposien, Kongressen und Tagungen von den abenteuerlichen Reisen der Fledertiere über nationale Grenzen hinweg. Zurück in der Heimat, führte Nicola Zambelli Jung und Alt durch die Kastanien­haine, zeigte die Fledermäuse in den Nistkästen und machte Dia-Vorführungen in Klassenzimmern. Im Gegensatz zu einst, als Fledermäuse als unrein galten und getötet wurden, hat der Kleinabendsegler heute nichts mehr zu befürchten von den Menschen – jedenfalls nicht im Tessin.

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Fruchtbare Kooperation
Die Region Alto Malcantone/CH mit ihren 27 Gemeinden gehört zum Gemeindenetzwerk «Allianz in den Alpen». Dieses unterstützte mit seinem Programm DYNALP² Projekte zum Schutz und zur Aufwertung von Naturräumen und natürlich vorkommenden Arten finanziell. Eines davon ist eine «Studie über den ökologischen Wert von bewirtschafteten und verlassenen Kastanienwäldern».
Das Gemeindenetzwerk geht auf ein Pilotprojekt zurück, das die CIPRA 1996/97 mit EU-Mitteln zur Umsetzung der Alpenkonvention durchführte. Seit 2000 besorgt CIPRA International das allgemeine Netzwerk-Sekretariat und hatte von 2006 bis 2009 die Projektleitung von DYNALP². Dank der langjährigen Zusammenarbeit wächst das Bewusstsein für die Wichtigkeit von Naturschutz innerhalb des Gemeindenetzwerks «Allianz in den Alpen» spürbar. www.alpenallianz.org
Quelle: Jahresbericht 2009 CIPRA International
www.cipra.org/de/CIPRA/cipra-international