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Wollt ihr den Totalen Markt?

Martin Boesch

Martin Boesch ist Professor für Wirtschaftsgeographie und Raumordnungspolitikan der Universität St. Gallen/CH. Seine Spezialgebiete sind Transformationsprozesse und Raumentwicklungen im Spannungsfeld zwischen Metropolregion und Peripherie. Von 1994 bis 2002 war er Präsident von Pro Natura Schweiz. © Martin Boesch

Wachstum, Innovation und Veränderung sind zu Plastikworten der entwicklungspolitischen Diskussion geworden, stellt der Wirtschaftsgeograph Martin Boesch fest. Für ihn ist die Frage entscheidend, wie eine weltweite soziale und ökonomische Gerechtigkeit erreicht werden kann.
Jedes Unternehmen, jede Branche, jede Region sucht in der Flucht nach vorn einen Ausweg aus der Krise. Ohne den Blick über den Gartenzaun scheint die Rechnung tatsächlich aufzugehen. Was aber, wenn die einen rascher wachsen als die andern? Werden dann die Unterschiede trotz scheinbarer Verbesserungen nicht noch grösser?
So postuliert die ökonomische Lehrmeinung, dass eine Öffnung der Grenzen und vermehrte Handelsbeziehungen nur von Vorteil seien, denn es würden sich unbegrenzte Absatzmärkte wie von selbst auftun. Dass dadurch aber der bisherige Binnenmarkt ebenso unbegrenzter Konkurrenz ausgesetzt wird, bleibt vergessen. Mit der Globalisierung geht auch ein Sozialdumping einher: Man produziert dort, wo die Löhne am tiefsten und die Umweltvorschriften am laschesten sind. Von Vorteil für alle Wirtschaftspartner ist der Austausch aber nur dann, wenn für alle klare Regeln in Bezug auf ökologische und soziale Standards wie auch auf die Qualität der Produkte und demnach faire Preise bestehen – und diese auch durchgesetzt werden.

Unterschiede werden verstärkt
Die Produktions- und Lebensbedingungen sind nicht überall gleich günstig, und die Menschen sind nicht überall gleich gut gerüstet. Die Gunststandorte unternehmen alle nur erdenklichen Anstrengungen, um ihre Vorteile zu erhalten und weiter auszubauen. Dabei sind die Metropolen keineswegs nachhaltig, sie leben weit über ihre Verhältnisse auf Kosten eines ausgedehnten Hinterlandes. So werden bestehende Asymmetrien eher verstärkt als abgebaut.
Die ökonomische Lehrmeinung besagt, dass dem halt so sei, denn der Markt setze die Preise und regle alles. Und schliesslich hätten wir nach dem Fall der Mauer alle kräftig «Ja!» geschrieen, als gefragt wurde: «Wollt ihr den Totalen Markt?» Was dabei verschwiegen wird: Der Markt setzt die Signale nach Massgabe der Kaufkraft. Die Habenichtse können da gar nicht mithalten. Und so werden die Asymmetrien laufend verstärkt. Märkte sind eben keine Wohltätigkeitseinrichtungen, sondern bloss knallhartes Geschäft. Sie sind häufig gigantische Umverteilungsmaschinen von unten nach oben, von den Peripherien zu den Zentren.

Wer zähmt den wilden Tiger?
Erfolgreiche Geschäftsmodelle für benachteiligte Standorte und Bevölkerungsgruppen können nicht einfach darin bestehen, die Marktverzerrungen durch Selbstausbeutung oder andere kostensparende Manipulationen einigermassen abzufedern. Das wäre eine unvernünftige und nicht zukunftsfähige Verletzung von Nachhaltigkeitsprinzipien. Unternehmen und Institutionen wie auch Körperschaften mit Modellcharakter für die Zukunft können in der Peripherie nur erfolgreich entwickelt werden, wenn ihre strukturelle Benachteiligung dauerhaft ausgeglichen wird.
Diesen Ausgleich kann der Markt aber offensichtlich nicht schaffen, denn es gibt für diesen kollektiven Nutzen keine individuelle Zahlungsbereitschaft; niemand will sich für Gemeinschaftsziele aufopfern. Was aber, wenn sich auch das Kollektiv – also die Politik – weigert, diese zukunftssichernde Aufgabe zu übernehmen, beziehungsweise klare Regeln dafür aufzustellen?
Was für Markt, Wettbewerb und Wachstum gilt, trifft auch auf die Politik zu: Sie ist nicht an sich schon gut oder schlecht, sondern es kommt darauf an, was konkret entschieden wird. Und so bleibt die Frage im Raum stehen: Taugt die Politik dazu, den wilden Tiger namens «Totaler Markt» in einer deregulierten globalisierten Welt zu bändigen, bevor er alles auffrisst? Bleibt uns nur die Selbsthilfe im überblickbaren Nahbereich? Das wäre dann die Bankrotterklärung aller Hoffnungen einer aufgeklärten Gesellschaft und der Übergang in ein neues Zeitalter einer postmodernen Anarchie.
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