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Der gestaltete Rückzug als neue Aufgabe der Raumplanung - Schrumpfen als Planungsauftrag

Schlechte Aussichten: Die Alten bleiben oft alleine im Dorf zurück, die Häuser verfallen, so wie in Bourcet (Val Chisone) in den piemontesischen Westalpen.

Schlechte Aussichten: Die Alten bleiben oft alleine im Dorf zurück, die Häuser verfallen, so wie in Bourcet (Val Chisone) in den piemontesischen Westalpen. © Marzia Verona

Die Post ist schon lange geschlossen, der Dorfladen eingegangen, die Schule ins nächste grössere Zentrum verlegt. Trotzdem setzen viele strukturschwache Regionen immer noch auf Wachstum anstatt eine schrumpfungsgerechte Planung an die Hand zu nehmen. Die Raumplanung der Zukunft hingegen ordnet viele Fragen der Lebensgestaltung neu.
«Krise ist, wenn das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann.» Dieses Wort von Antonio Gramsci, eines italienischen Vordenkers, kann als Aufforderung gelesen werden, in Krisenzeiten die Kräfte nicht nur auf die Verbesserung des Bestehenden zu konzentrieren, sondern sich vor allem auf die Suche nach jenem profund Anderen zu machen, das den Weg aus der Krise durch das Aufzeigen neuer Perspektiven weisen kann. Durch die aktuellen ökologischen und ökonomischen Krisenerscheinungen scheint das Ziel des permanenten und omnipräsenten sozio-ökonomischen Wachstums in unseren Breiten endgültig als nicht länger haltbarer Mythos entlarvt worden zu sein. Wachstum ist ein zeitlich beschränkter Prozess und jeder natürliche Wachstumsprozess ist nach oben beschränkt.
Im Sinne Gramscis ist es deshalb von Bedeutung, sich in Zukunft auch mit dem Phänomen des Schrumpfens verstärkt auseinander zu setzen. In strukturschwachen Gebieten, wie es sie in den Alpen viele gibt, gehen Schlüsselparameter wie Bevölkerungszahl, Arbeitsplätze oder relative regionale Wirtschaftsleistung seit Jahrzehnten zurück.

Realitätsfremde Planung
Trotzdem setzt die Raumplanung in der Regionalentwicklung weiterhin auf die Erreichung von Wachstumszielen anstatt sich in angemessener Weise auf eine aktive Gestaltung und Begleitung der vor Ort ablaufenden Schrumpfungsprozesse einzulassen. Eine der Ursachen für diese Grundhaltung liegt im Theoriefundus der Raumplanung, der an die Wirtschaftswissenschaften anknüpft. Dies führt dazu, dass rückläufige sozio-ökonomische Entwicklungen grundsätzlich als «Systemversagen» wahrgenommen werden, als unerwünschte Abweichungen vom Wachstumspfad, der «nach oben» prinzipiell keine Grenzen kennt, also offen ist. In der Planungspraxis ist eine abwehrende Grundhaltung gegenüber Schrumpfungsprozessen tatsächlich sehr verbreitet. Wiewohl sich die Entscheidungstragenden auf kleinregionaler und lokaler Ebene des – wie sie sich ausdrücken – «generellen Rückgangs in der Entwicklung» bewusst sind, ist für sie die aktive planerische Gestaltung und Begleitung von Schrumpfungsprozessen kein Thema. Sie setzen weiterhin auf Wachstum und schliessen die möglichen Optionen «Konsolidierung» und «geordneter Rückzug» von vornherein aus. Damit sind sie auf die fortgesetzt tatsächlich ablaufenden rückläufigen Entwicklungen nicht vorbereitet.

Ruhe statt Rummel
Eine schrumpfungsgerechte Planung berücksichtigt verschiedene Teilaspekte. Zum einen geht es darum, positiv besetzten Visionen für schrumpfende Regionen zu entwickeln. So empfiehlt etwa Wolfgang Engler in seiner Vision unter dem Titel «Friede den Landschaften», schrumpfende Regionen bewusst zu «Ruhe- und Regenerationsräumen» zu machen. Anstatt die Lebensverhältnisse an Wachstumsregionen in quantitativer Hinsicht anzugleichen, wird eine Interpretation dessen gesucht, was regionale Lebensqualität ausmacht. Es sind dies Regionen, wo es ruhiger, langsamer und selbstgenügsamer zugeht, weil der Anteil an älteren Menschen höher ist als in Wachstumsregionen. Es sind Räume, die eher die regionalen Wirtschaftsbeziehungen pflegen und wo die Lebenshaltungskosten geringer sind als in wuchernden Agglomerationen. Weiter gilt es, die Mindestversorgung in strukturschwachen Gebieten auch unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu sichern. Zum Beispiel werden Kräfte gebündelt, indem ein multifunktioneller Zulieferer die Nahversorgung übernimmt. Aufgaben werden entflechtet, indem ein regionales Energieversorgungssystem aufgebaut wird. Dienstleistungen werden flexibilisiert mit Anrufbussen oder mobilen Dienstleistern.

Raumplanung als Vermittlerin
In Schrumpfungsgebieten führt jede Ausweitung des Siedlungsgebietes zu einer Unternutzung, was einer Entwertung gleichkommt. Deshalb ist die Aussenentwicklung zu stoppen. Stattdessen braucht es Lösungen für ungenutzte oder unternutzte Gebäude sowie für Überkapazitäten bei Infrastrukturanlagen.
Raumpläne können ihre Wirkung derzeit nur bei der Umwandlung der «grünen Wiese» in Baugebiet entfalten. Deshalb muss das Instrumentarium der Raumplanung angepasst und erweitert werden. Auch bestehende Siedlungen sollen umgestaltet werden dürfen.
Der Zugriff auf den Siedlungsbestand soll nicht mehr tabu sein. Gesellschaftlich erträgliches Schrumpfen erfordert viel Fingerspitzengefühl – nicht nur in Plänen, sondern vor allem auch in Aushandlungsprozessen. Das heisst, die Raumplanung hat neben ihrer hoheitlichen Rolle auch die einer Verhandlerin, einer Mediatorin und Moderatorin einzunehmen. Die Gestaltung von Schrumpfungsprozessen kann so zur Nagelprobe von Good Governance werden.

Geld für Lebensqualität statt Infrastruktur
Sowohl das Neupositionieren der Raumplanung als auch die Organisation von Schrumpfung kostet Geld. Geld, das von unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit nicht mehr vertretbaren Ausbau- bzw. Erweiterungsprojekten abgezogen und stattdessen in die «Konsolidierung» und den «geordneten Rückzug» investiert werden soll. So sind diese Gelder etwa in die Bildungsarbeit, in Aushandlungsprozesse, in Umnutzungs- und Rückbauprojekte, in Altlastensanierungen und in immaterielle Verbesserungen von Lebensqualität in Schrumpfungsräumen zu investieren. Die Raumplanung allein ist zweifellos überfordert, das Thema Schrumpfung zu lancieren, sodass es zu einem «Selbstläufer» in der öffentlichen Diskussion wird. Sie muss mit strategischen Partnern anderer Fachdisziplinen zusammenarbeiten, die effizienter und mit mehr Durchsetzungskraft in Richtung einer aktiven Gestaltung von Schrumpfungsprozessen wirken können als es die Raumplanung, auf sich selbst zurückgeworfen, je vermag. Dazu bieten sich beispielsweise aus heutiger Sicht folgende Themen an: die Finanz- und Wirtschaftskrise, der Klimawandel, die angespannte Energie- und Rohstoffversorgung, der demographische Wandel oder eine alternative Verkehrspolitik.

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Nimmt die Politik die Herausforderung an?

Schrumpfungsprozesse aktiv zu begleiten setzt einen politischen Willen voraus. Die Schweizer Bergkantone Graubünden und Uri haben die Diskussion vor einem Jahr mit einem Bericht über potenzialarme Räume angestossen. Sie wollten aufzeigen, was passiert, wenn sich der Trend – Geburtenrückgang, Abwanderung, Verlust von Arbeitsplätzen usw. – fortsetzt und nicht Gegensteuer gegeben wird. Es werden drei mögliche Szenarien aufgezeigt: Wachstum, Erholung oder Schrumpfung.
Die fehlende aktive Auseinandersetzung mit schrumpfenden Regionen entspricht laut Bericht der aktuell gültigen Antwort der Schweiz auf die Frage nach dem Umgang mit potenzialarmen Räumen. Dieser Ansatz sei wenig ehrlich sowohl gegenüber der Bevölkerung eines potenzialarmen Raums wie auch gegenüber der Bevölkerung des restlichen Kantons, heisst es weiter. Laut Autoren ist der begleitete Schrumpfungsprozess eine Chance zur Erneuerung und mit dem heutigen Instrumentarium bereits möglich. Der integrale Rückzug, also die forcierte Entleerung und Renaturierung von Tälern, definieren sie ebenfalls als mögliches Ziel. Dieser schaffe neue Potenziale für nächste Generationen. Aus politischen Gründen taxieren sie dieses Vorgehen aber als wenig realistisch.
Der Bericht stiess auf heftige Reaktionen. Die betroffenen Regionen fühlten sich im Stich gelassen, wie Stefan Engler erklärt. Der Regierungsrat des Kantons Graubünden hat Verständnis dafür. Der stark betriebswirtschaftliche Ansatz vergesse die Menschen. «’Schrumpfung begleiten’ tönt wie Sterbebegleitung», so Engler. Damit sei Kapitulation und Verlust an Heimat verbunden. «Die Diskussion um einen integralen Rückzug ist akademisch und realitätsausblendend, weil sie die Menschen und ihre Verwurzelung vergisst.»
Graubünden unternehme nichts in Richtung begleitetes Schrumpfen. Der Regierungsrat sieht die Aufgabe der Politik vielmehr darin, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten, solange Menschen in den Regionen leben, die das auch wollen. Mit besseren Strukturen sollen die Grundvoraussetzungen für eine selbstbestimmte Entwicklung gestärkt werden. Hierfür sucht Graubünden Pilotregionen.
Die Diskussion über Schrumpfen wurde von der Politik mittlerweile wieder begraben. Der Fokus liegt nun auf den Szenarien Wachstum und Erholung.
Barbara Wülser/CIPRA International
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aus: Szene Alpen Nr. 93 (www.cipra.org/de/alpmedia/publikationen/4282)
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