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Ehemalige DDR als Vorreiterin beim Rückbau Der Osten macht’s vor

Der renaturierte Fluss Eine gehört zur neuen Visitenkarte der Stadt Aschersleben.

Der renaturierte Fluss Eine gehört zur neuen Visitenkarte der Stadt Aschersleben. © Ursula Achternkamp

Die Bevölkerungszahlen in den Metropolen der Welt explodieren. Auf der anderen Seite wandern immer mehr Leute aus Städten wie Detroit oder Liverpool ab. Auch in den Alpen gibt es schrumpfende Dörfer und Städte. Dort jedoch werden Rückbaumassnahmen erst ansatzweise diskutiert. Ein Blick über die Alpen hinaus zeigt, wie man dem Phänomen der Schrumpfung in der Praxis begegnen kann.
In der Stadt Aschersleben in Sachsen-Anhalt wurden mit dem Ende der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) rund 10’000 Arbeitsplätze gestrichen. Während im Jahr 1990 noch gut 33’700 Menschen in in der bis dahin industriegeprägten Stadt wohnten, waren es im Jahr 2000 nur mehr 27’300. Vor allem junge Leute wanderten ab. Die älteren Menschen blieben in fast leeren Wohnblocks zurück. Das führte in einigen Stadtvierteln zu Auslastungsproblemen der technischen und sozialen Infrastrukturen. Mit vergleichbaren strukturellen Problemen haben auch zahlreiche Orte in den Alpen zu kämpfen. In vielen Bergregionen hat die Modernisierung der Industrie und des Gewerbes tiefe Spuren hinterlassen. Ein Beispiel für eine solche Gemeinde ist die Stadt Eisenerz in Österreich (siehe Kasten).

Stadtumbau im grossen Massstab
Der Blick aus den Alpen hinaus nach Osten gleicht einem Blick in die Zukunft. 2002 wurde in Ostdeutschland mit «Stadtumbau Ost» ein Bund-Länder-Programm zur Städtebauförderung initiiert, das Rückbau- und Aufwertungsmassnahmen in schrumpfenden Gemeinden ermöglicht. Durch Umbaumassnahmen, in derzeit insgesamt knapp 400 Gross- und Kleinstädten sowie Dörfern, soll die Lebens-, Wohn- und Arbeitsqualität nachhaltig gesichert und erhöht werden. Mit dem Programm werden auch Massnahmen in Aschersleben gefördert. Darüber hinaus ist die Gemeinde eine von 19 Modellstädten der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Sachsen-Anhalt. Die IBA Stadt-umbau 2010 versteht sich als eine Art Labor, in dem verschiedene Werkzeuge des Stadtumbaus beispielhaft erprobt und angewendet werden.

Neue Zukunftsperspektiven für die BewohnerInnen
Aschersleben verfolgt beim Stadtumbau die Strategie einer Schrumpfung nach innen. Periphere Standorte werden rückgebaut, der Stadtkern hingegen durch Aufwertungsmassnahmen als innerstädtisches Wohngebiet gestärkt. Durch die Umnutzung eines ehemaligen Industriegebäudes zu einem Bildungszentrum wurde der Grundstein für einen attraktiven Bildungsort gelegt. Mehrere Wohneinheiten wurden abgerissen. Verschiedene Ausstellungen und künstlerische Installationen werten Baulücken sowie alte Bausubstanz auf. Diese so genannte «Drive Thru Gallery» ist zusammen mit neu entstandenen bzw. aufgewerteten Grünräumen die neue Visitenkarte der Stadt. Wesentlicher Bestandteil des Schrumpfungsprozesses ist die Information und Sensibilisierung der Bevölkerung. Viele BewohnerInnen assoziieren mit dem Sterben ihrer Stadt nämlich nicht die Schrumpfung per se, sondern die Rückbaumassnahmen.
In Ostdeutschland lebt heute etwa jedeR zweite EinwohnerIn in einer Gemeinde, in der rückgebaut wird. Westdeutschland zieht nach. Seit 2004 wird mit dem Stadtbauförderungsprogramm «Stadtumbau West» auf die Folgen des wirtschaftlichen und demokratischen Strukturwandels im Westen reagiert. Auch in den Alpen, so etwa in der Schweiz, schliessen sich Gemeinden zusammen, um Parallelstrukturen abzubauen oder die vorhandenen Strukturen effizienter zu nutzen. Im Gegensatz zu Ostdeutschland, wo grosse Zentren und sogar Regionen fusionieren, beschränken sich die Kooperationen in den Alpen zumeist auf kleinere und einzelne Gemeinden. Umbaumassnahmen in Form von Rückbau hingegen sind in den Alpen nach wie vor tabu.

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Eisenerz/A – Das Beispiel aus den Alpen
Eisenerz ist eine der wenigen Gemeinden im Alpenraum, die auf den Schrumpfungsprozess mit Rückbaumassnahmen reagiert. Die Stadt liegt in der Steiermark am Fusse des Erzberges, wo einst der Erzabbau florierte. Durch die weltweite Technologisierung des Bergbaus wurden zahlreiche Arbeitsplätze abgebaut. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung wanderte ab. 2005 lancierte die Stadt ein umfassendes Stadtumbauprogramm namens «re-design Eisenerz». Das Programm sieht den Rückbau und die Umnutzung von Wohnsubstanz vor. Weiters wird eine Konzentration der Wohnnutzung in sanierten Gebäuden mit attraktiven Lagen angestrebt. Die Umbaumassnahmen sind jedoch noch nicht so weit fortgeschritten wie in Ostdeutschland.
www.eisenerz.at/redesign (de)
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