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Grössenwahn statt Höhenkoller

Für die Revisionsarbeiten der Seilbahn wurde eigens eine Gletscher-Strasse auf die Bergstation Marmolata angelegt.

Für die Revisionsarbeiten der Seilbahn wurde eigens eine Gletscher-Strasse auf die Bergstation Marmolata angelegt. © mountainwilderness Italien

Mehrere Grossprojekte bedrohen die unvergleichliche Bergwelt der Dolomiten. Immer spektakulärere Bahnen rufen nach weiteren Erschliessungsstrassen, nach mehr Gästebetten und nach futuristischeren Attraktionen, um jene zu füllen. Was auf der Strecke bleibt, ist die Funktionalität dieser Projekte.
Die Marmolata, die Königin der Dolomiten, wird seit Jahren in einer Weise verbaut, die nicht hinnehmbar ist. In den Siebzigerjahren wurde eine Seilbahn zum 3325 Meter hohen Gipfel des letzten grossen Dolomiten-Gletschers gebaut und auf der Punta Roca ein riesiger Blechkasten errichtet. Als 2005 die drei Teilabschnitte der Seilbahn erneuert wurden, liess die Seilbahngesellschaft Tofane Marmolada S.p.A. entlang des Gletschers eine lange Strasse für Wartungszwecke ausgehoben. Der Neubau wurde von der Region Venetien mit acht Millionen Euro unterstützt. Nun benötigt die Gesellschaft zusätzliche Hotelbetten, um neue Fahrgäste für die Seilbahn zu gewinnen und den weiteren Ausbau des Skigebietes bis ins Trentino voranzutreiben.
In einem extrem schnellen und - was die Transparenz angeht - sehr fragwürdigen Verfahren entschied sich der Gemeinderat von Rocca Pietore in der Provinz Belluno jüngst für die von der Seilbahngesellschaft vorgeschlagene Variante des Bebauungsplans. Dieses sieht ein Mega-Resort in Malga Ciapèla unterhalb der majestätischen Südwand der Marmolada auf 1450 Meter vor. Geplant ist ein Hotel mit 200 Betten, Fitness- und Sportanlagen, Geschäften, 52 Chalets; kurzum ein weitläufiges Feriendorf, in dem ein Grossteil der Talbewohner Arbeit finden wird. Ein Bauvolumen von 56'000 Kubikmeter, das rund 50 Millionen Euro kosten soll.

Eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe
Bei der Prüfung der sozialen Verträglichkeit dieses Projektes wurde ausser Acht gelassen, dass Rocca Pietore nur 1451 Einwohner oder 650 Familien hat, aber über Wohnraum für 1887 Familien verfügt. Der Hotelierverband Federalberghi kritisiert, dass man auf diese Weise das Land verschleudert; er bezeichnet das Projekt als puren Wahnsinn angesichts der Tatsache, dass die Hotels in Belluno und Umgebung gerademal zu 40 Prozent ausgelastet sind.
Die örtlichen Umweltverbände gehen sogar noch weiter und sprechen von einer sozialen Katastrophe. Ihrer Meinung nach stellt der neue Hotelkomplex eine ernste Bedrohung für die lokale Wirtschaft, das Handwerk, den Handel und für die Gesellschaft dar, weil diese Anlage sämtliche Arbeitskräfte absorbieren wird. Das Gebiet rund um den Marmolata-Gletscher wird seine Identität und seine lokale Besonderheit in wenigen Jahren endgültig verlieren, wenn sämtliche Tourismuskonzepte auf die Erfordernisse der internationalen Agenturen zugeschnitten werden. Wenn der am Fusse der mächtigen Marmolata-Südwand gelegene Ort Malga Ciapèla komplett zubetoniert wird, geht der Qualitätswert der Landschaft vollständig verlustig. Doch damit nicht genugn: Auch in Sappada im Alta-Badia-Tal, einem weiteren renommierten Dolomitenort, plant die Seilbahngesellschaft ein weiteres futuristisches Hotel mit über 180 Betten.

Eine Kathedrale ohne Kanzel
Auch Alta Badia in den Dolomiten kündigt sich der Grössenwahn mit einem futuristisch anmutenden Projekt an. Auf dem Piz La Ila auf 2100 Meter Höhe soll eine Kapsel von acht Meter Durchmesser, eine Art gläsernes Raumschiff mit 360-Grad-Panoramablick, errichtet werden. Es soll ein exklusives Refugium für VIPs werden, die hier übernachten und in der komfortablen Raumkapsel den Sternenhimmel bewundern oder die Gewalt der Naturereignisse in den Dolomiten beobachten können. Man sagt, dass der Gast so die Natur hautnah erleben könne. Es handelt sich um sehr phantasievolle und für die Alpenlandschaft völlig neue architektonische Formen.
Grundsätzlich sollte man Innovationen in der Architektur nicht fürchten und auch nicht an einem Bild der Berge aus der Vergangenheit festhalten. Innovation sollte aber eine funktionale Rolle haben. Wenn zum Beispiel die architektonische Innovation zur Verbesserung der Energieeffizienz beiträgt, wie es bei den Passivhäusern mit grossen Glasfronten der Fall ist, wird keine Umweltorganisation etwas gegen den Einsatz von neuen Materialien und die Verwendung von neuen Formen einzuwenden haben.
Aber die im Alta-Badia-Tal geplante Glaskugel wird, auch wenn sie von dem berühmten englischen Designer Ross Lovegrove entworfen wurde, nur einen Selbstzweck erfüllen. Sie wird weder kulturelle Werte vermitteln noch die Lebensqualität für Gäste und Bewohner verbessern. Sie wird nichts anderes darstellen als eine eiförmige Kathedrale, die beeindrucken und erstaunen will. Und wenn vor lauter Faszination der reale Blick für einen Ort verloren geht, wird das Bestehende, die lokale Identität, der Genius loci, der wahre Charakter, der einen Qualitätstourismus auszeichnen sollte, ausgelöscht.


Luigi Casanova
Vizepräsident CIPRA Italien

www.architetturaedesign.it (it)
Kategorie "Architettura Contemporanea"