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Die Erfindung des Paradieses

Dass Menschen in den Alpen das Paradies zu suchen begannen, ist eine relativ neue Erscheinung. Diese Sehnsucht, geboren von noblen, alpenreisenden Engländern des 19. Jahrhunderts, wurde nicht immer erfüllt. Ein Streifzug durch die alpine Architektur mit Köbi Gantenbein, Chefredaktor der Zeitschrift "Hochparterre".
Keine Architektur eines Landes hat wohl die Berge derart produktiv gemacht wie die der Schweiz.
Jean-Jacques Rousseau zündete das Licht vor 200 Jahren an: Nach seiner Erfindung der edlen Wilden brachen die Fremden aus den Städten in die Berge auf. Eine spektakuläre Goldgräbergeschichte hatte begonnen, spektakulär, weil das Gold ja nicht im Berg lag, sondern als Spektakel zuerst erfunden, gebaut, eingerichtet, schön geredet und abgebildet - kurz: inszeniert - werden musste.
Das Châlet war der erste Triumph der Architektur aus der Schweiz in der Welt. Als "Swiss House" an der Weltausstellung in London von 1887 war es Paradiesversprechen und Tourismusreklame in einem. Und man muss sich vorstellen, was es bedeutet hat, dort oben in den Bergen, wo es ausser Hunger, Steinen, langen Wintern und immerhin schönem Licht nicht viel gab, Reunionplätze der herrschenden Klassen mit allem Drum und Dran einzurichten. Und Namen bald klingen zu lassen in den Salons der Grossstadt: St. Moritz, Zermatt, Gstaad.

Ruinen der Illusion
Mit der Erfindung des Paradieses verbunden sind technische Meisterschaften wie das Durchbohren, Überqueren und Erklimmen der Berge mit Eisen-, Luft- und Standseilbahnen, Sessel- und Skiliften. Nötig war und ist neben der Ingenieursleistung aber in erster Linie auf 1800 m.ü.M. die Illusion des urbanen Lebens einzurichten und Bühnenbilder zu bauen mit Einfallsreichtum, Regietalent, Elektrizität, Komfort jeder erdenklichen Art, Versorgung und Entsorgung und Dienstbereitschaft rund um die Uhr. Üppig, verschwenderisch und dem, was vor Ort war, fremd von Anfang an.
Die Gesamtkunstwerke entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ihre Ruinen stehen noch heute, zum Beispiel in Maloja, wo ein belgischer Graf und Spekulant das Maloja Palace aus dem Boden gestemmt hat. Es war eine Inszenierung rund um die Uhr. Wenn den Gästen danach war, so wurden im Speisesaal venezianische Nächte aufgeführt mit singenden Kellnern, die von Tisch zu Tisch gondolierten. Nach wenigen Jahren stürzte der Palast in einen Bankrott, aber er prägte den Archetyp des Tourismus für wohl immer und ewig: Fremdenverkehr und Inszenierung gehören untrennbar zusammen. Und das Skript blieb seit des Grafen Untergang in phantasievollen Varianten immer dasselbe: Die Paradieshoffnungen der Kundschaft müssen mit einem immer neuen Kick bedient werden.

Ein Verschleiss an Energie und Phantasie
Mit dem Tourismus verbunden blieb deshalb die unbändige Verschwendung an Ideen, aber auch an Material und Energie; eine Eigenart, die nach wie vor zum Bauen für den Fremdenverkehr gehört. Es ist, gemessen an seinem unmittelbaren Nutzen, philosophisch und moralisch unhaltbar wie sonst kaum etwas. Also geht jede Kritik fehl, die sich aufregt über die fröhlichen Walsertirolerhäuser, die aufgeblasenen Châlets oder die hässlichen Dorfbilder zum Beispiel von St. Moritz, Zermatt, Gstaad oder Crans Montana. Und jedes Lob für Samih Sawiris geschicktes Einpacken der zeitgenössischen Architektur in sein Neuandermatt muss wissen, dass was er auch immer bauen wird, Verschwendung sein wird in Aufbau und Betrieb. Die Kritik muss einhaken nicht an ästhetischen Problemen der Inszenierung und am vermeintlichen Verlust von Heimat und Landschaftsempfinden, sondern am unglaublichen
Aufwand an Energie, Material und Phantasie für den Bau und Betrieb der neuen Palasthotels, der ihnen zugewiesenen Zweitwohnungen, der Schneekanonen bis ins Unterland und der Strassenausbauten bis auf die Alp.


Ein Verfechter für zeitgemässe Architektur

Köbi Gantenbein ist Chefredaktor der Schweizer Architekturzeitschrift "Hochparterre". Er lebt und arbeitet in Zürich und Fläsch, Kanton Graubünden. Er machte eine astreine Tourismuskarriere als Golfcaddy,Hotelportier, Bademeister, Skilehrer und Kellner.
www.hochparterre.ch (d)