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Oft nur Augenwischerei

eawag-Forschungszentrum Dübendorf

Ein Leuchtturm? Das neue eawag-Forschungszentrum in Dübendorf bringt die Menschheit nicht viel näher an die 2000-Watt-Gesellschaft © eawag

Der Begriff "2000-Watt-Gesellschaft" wird benutzt, um Städte und Firmen ins nachhaltige Licht zu rücken, Gebäude anzupreisen oder das Wachstum zu begrünen. Das globale Konzept wird damit für lokales Marketing missbraucht.
Die Schweizer Wirtschaftsmetropole Zürich ist "auf dem Weg zur 2000-Watt-Gesellschaft", wie sie kürzlich verkündete, nachdem die Abstimmenden ihren Enkeln den Ausstieg aus der Atomenergie verordnet hatten. Die Nachbarin Basel wurde schon früher zur "Pilotregion für die 2000-Watt-Gesellschaft" erkoren. Der Schweizer Grossverteiler Migros macht mit einem Neubau "einen Schritt zur 2000-Watt-Gesellschaft". Das Forschungsinstitut eawag bezeichnete ihr neues Gebäude in Dübendorf als "Leuchtturm der 2000-Watt-Gesellschaft". Die Arge Alp empfahl den Alpenländern 2009 in Flims/CH, "die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft zu berücksichtigen". Und das Schöne an diesen und weiteren Beispielen: Niemand brauche "auf lieb gewordenen Komfort zu verzichten". Denn: "2000-Watt-Gesellschaft bedeutet nicht, den Gürtel enger zu schnallen", versichern die Verantwortlichen.

Jedem sein Quantum Watt
Die Liste der Bekundungen lässt sich verlängern. Auch die Nachbarstaaten haben das energiepolitische Konzept der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich für sich entdeckt. Wer seine Stadt, seine Projekte oder Produkte ins nachhaltige Licht rücken will, verknüpft sie gerne mit der Idee einer "2000-Watt-Gesellschaft". Doch im Unterschied zum schwammigen Begriff "nachhaltig" handelt es sich bei der Zahl von 2000 Watt um ein klar definiertes Ziel: Der Primär-Energieverbrauch muss auf eine konstante Leistung von 2000 Watt pro Kopf begrenzt werden. Das entspricht - bei 8760 Jahresstunden - einem jährlichen Verbrauch von 17'500 Kilowattstunden (kWh) oder umgerechnet einer Menge von 2000 Liter Benzin pro Jahr.
Bei den 17'500 kWh handelte es sich um den durchschnittlichen Primär-Energieverbrauch weltweit pro Person und Jahr im Jahr 1994, als das Konzept veröffentlicht wurde; seither ist dieser Wert um 15 Prozent gestiegen. In den Industriestaaten liegt der Pro-Kopf-Verbrauch um das Zwei- bis Fünffache über dem Weltdurchschnitt, in den Entwicklungsländern weit darunter. Das 2000-Watt-Konzept bezweckt nun, die durchschnittliche Menge respektive Leistung pro Kopf aus ökologischen Gründen nicht weiter ansteigen zu lassen, aber allen Menschen den gleichen Energiekonsum zu erlauben.

Ohne Verzicht geht es nicht
Die Schweiz zum Beispiel beansprucht je nach Erhebung 6300 bis 8500 Watt Primärenergieleistung pro Kopf; dies inklusive Importüberschuss an grauer, also für importierte Produkte aufgewendete Energie. Wie sich die Summe von 6300 Watt (gemäss älterer Erhebung) auf die Lebensbereiche Heizen, Wohnen, Verkehr, Ernährung, übrigen Konsum sowie die öffentliche Infrastruktur in der Schweiz verteilt, zeigt der Energierechner der auf Öko-Bilanzierung spezialisierten Firma Ecospeed, zu finden unter www.ecospeed.ch. Je nach Lebensverhältnissen weicht der individuelle Verbrauch vom Durchschnitt ab.
Der Eco-Rechner belegt, wie schwierig es ist, den Bedarf an Primärenergie in der reichen Schweiz von 6300 auf 2000 Watt zu senken. Beispiel: Selbst wer in einem Minergie-Passivhaus lebt, kein Auto besitzt, nie fliegt, die effizientesten Geräte benutzt etc., beansprucht in einem kinderlosen Zwei-Personen-Haushalt rund 4000 Watt. Diese energetisch effiziente Person kann ihren Bedarf nur dann noch wesentlich vermindern, wenn sie ihren Konsum an Gütern und Wohnraum sowie ihr Einkommen weit unter den Durchschnitt senkt. Was zeigt: Ohne Befreiung von "lieb gewordenem Komfort" und ohne Senkung unseres hohen Wohlstands lässt sich das 2000-Watt-Ziel nicht erreichen. Deshalb ist es Etikettenschwindel, einzelne, durchaus positive Projekte wie etwa den Bau eines Passivhauses direkt mit dem umfassenden 2000-Watt-Ziel zu verknüpfen.
Auch die Erfahrung zeigt: Trotz 2000-Watt-Ziel und andern Nachhaltigkeits-Konzepten nahm der globale und nationale Energieverbrauch in den letzten Jahren nicht ab, sondern weiter zu. Denn Energie- und Naturverbrauch sind eng verknüpft mit dem Wachstum von Konsum und Wirtschaft. Deshalb ist es Augenwischerei zu meinen, stetiges Wirtschaftswachstum lasse sich problemlos mit der 2000-Watt-Gesellschaft vereinbaren.

Gekürzte Fassung eines Referats von Hanspeter Guggenbühl, freier Journalist aus Illnau/CH, anlässlich einer Veranstaltung in Winterthur/CH.
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