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Korridore für Kammmolch & Co.

Departement Isère: Von der Theorie zur Praxis Im französischen Departement Isère sind ökologische Korridore kein Papiertiger, sondern sie werden in allen relevanten Bereichen umgesetzt. Neuen Schwung dafür bringt ein soeben gestartetes Grossprojekt. Isère ist nicht nur Vorreiter für Frankreich. Auch die anderen Alpenländer können sich von Isère konkrete Anregungen für die Umsetzung ökologischer Netzwerke holen.
Das Departement Isère setzt sich seit dem Jahr 2000 nicht nur für die Schaffung eines Netzwerks von rund hundert Schutzgebieten ein, sondern auch für die Erhaltung der ökologischen Kontinuität zwischen den Kernzonen natürlicher Vielfalt. Dass die Erhaltung von Korridoren notwendig ist, wurde erkannt dank örtlichen Bestandesaufnahmen von überfahrenen Amphibien, die seit 1996 jedes Jahr durchgeführt werden. Ebenfalls ausschlaggebend war eine Bestandesaufnahme des Flächennutzungsplans des Grossraums Grenoble. Dieser weist darauf hin, dass zwischen den urbanisierten Zonen des Alpentals mit 500'000 Einwohnern und entlang von Gewässern Naturzonen erhalten werden müssen. Angesichts der jährlich über 10'000 erteilten Baugenehmigungen besteht dringender Handlungsbedarf. Politiker, Naturforscher, Jäger und Fischer, aber auch Raumplanungs- und Infrastrukturexperten machen auf die Problematik aufmerksam.

Landesweit einzigartige Methode
Um Korridore festzulegen, wandte das Departement Isère eine Methode an, die in der Schweiz zur Identifizierung eines ökologischen Netzwerks entwickelt wurde. Allerdings standen in Isère viel weniger Informationen über Flora und Fauna zur Verfügung. Dank des Know-hows und des Beitrags zahlreicher Naturwissenschaftler und Akteure vor Ort konnten über 400 Problemzonen ausgemacht werden. Ein schweizerisches Planungsbüro für angewandte Ökologie hat in der Folge zum ersten Mal im Departement Isère und in ganz Frankreich eine Synthese erstellt, anhand derer das ökologische Netzwerk von Isère sichtbar gemacht und die grössten Herausforderungen genannt wurden. Dieses kartographische Dokument definiert Korridore auf einer Fläche von über 7'000 Quadratkilometern und ist nunmehr eine bekannte Grösse für Verwaltungen, lokale Körperschaften und Planungsbüros.
Auf der Grundlage dieser Bestandsaufnahme wurden zehn Prioritäten zur Wiederherstellung von Verbindungskorridoren für die Fauna festgelegt. Hohe Priorität hat das staatliche Naturreservat Grand Lemps, dessen 15'000 dort vorkommende Amphibien wie z.B. die Kammmolche erhalten werden sollen. Bis heute wurden dafür auf einer Länge von insgesamt über einem Kilometer 14 Kleintierpassagen geschaffen. Da Auswertungsanalysen die Wirksamkeit dieser Massnahmen belegen, schaffte das Strassenamt des Generalrates daraufhin zwei weitere Kleintierpassagen.

Wichtige Passage für Wildtiere
Man stelle sich vor: Den Wildtieren bleiben auf 70 Kilometern Alpental auf beiden Seiten von Grenoble nur noch sechs ökologische Korridore, über die sie die Massive Vercors-, Chartreuse- oder Belledonne erreichen können. Aufgrund der zunehmenden Zersiedelung, der intensiven Landwirtschaft und der zahlreichen Verkehrsinfrastrukturen ist auch das Grésivaudan-Tal nicht mehr die Wildtierpassage, die sie einmal war. Weil aber das Tal im Westen vom Chartreusemassiv und im Osten vom Belledonnemassiv flankiert ist, ist es für den ganzen Alpenraum von grosser Bedeutung.
2005 erstellten das Bauamt des Grossraums Grenoble und ein Schweizer Planungsbüro gemeinsam mit Naturforschern, Jägern, Fischern, Landwirten, Gemeindepolitikern und Infrastrukturverwaltern von Autobahnen, Strassen, Eisenbahnen, Dämmen usw. eine detaillierte Bestandsaufnahme. Die Koordination der Massnahmen zur Erhaltung und Wiederherstellung der Korridore wird seitdem vom Generalrat des Departements Isère sichergestellt.

EU-Projekt "Lebenskorridore"
Im Februar 2009 ist in Isère ein neues grosses Projekt gestartet. Mit einem Budget von neun Millionen Euro über sechs Jahre umfasst das Projekt "Lebenskorridore" drei Ziele mit 50 Massnahmen. Zunächst geht es darum, den Problemzonen mit strassenbaulichen Massnahmen oder Wärmedetektoren für Wildtiere entgegenzuwirken. Parallel dazu werden die Korridorzonen in den Planungsdokumenten festgeschrieben (Land- und Fliessgewässerkorridore der "Trame bleue et verte", Rahmenplan für Raumnutzung, lokale Stadtplanung usw.). Doch muss noch ein genauer definierter Rechtsstatus gefunden werden, was übrigens auch eines der Ziele des Econnect-Projekts ist (siehe Beitrag auf Seite 18). Wie die Strassen tragen nun auch sämtliche Korridore im Departement Isère eine Identifikationsnummer; wie diese stellen sie eine Infrastruktur dar, wenn auch eine natürliche.
Ein langfristiger Erfolg ist allerdings nur möglich, wenn die Öffentlichkeit die Herausforderungen annimmt und diese Zonen anerkennt. Ein Teil dieses Projekts besteht demnach darin, die Menschen durch eine Ausstellung und Veranstaltungen in Schulen zu sensibilisieren. Auch sollen alle Arten von "Verwaltern" - Autobahnkonzessionäre, Landwirte, Politiker und technische Ämter - für einen besseren Umgang mit den Korridorzonen gewonnen werden.
Das Projekt in Isère wird vom Europäischen Fonds für Regionalentwicklung und mit Hilfe des Autobahnbetreibers AREA, der Wasserbehörde sowie der Region Rhône-Alpes finanziert. Inzwischen setzt sich die gesamte Region Rhône-Alpes, in der das Departement Isère liegt, für die Förderung ökologischer Korridore ein. Die Region hat hierfür den ersten Korridorvertrag unterzeichnet, worin auch eine finanzielle Unterstützung des EU-Projekts im Rahmen von zwölf Prozent des Budgets festgelegt ist.
Die Aktivitäten in Isère sind nicht nur für Frankreich, sondern auch im alpenweiten Vergleich vorbildlich. Das Departement ist von der Plattform Ökologischer Verbund der Alpenkonvention als eine der offiziellen Pilotregionen für ökologische Korridore vorgesehen. Weiterhin beteiligt sich Isère im Rahmen des Econnect-Projekts an den alpenweiten Anstrengungen für eine ökologische Vernetzung. Die Überwindung physischer und gesetzlicher Hindernisse steht dort im Vordergrund.