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Die Innovation und wir - eine neue Beziehung

Innovation

Das neue Modell soll das Innovationskonzept nicht nur auf Technologien und Marketingstrategien reduzieren. Christoph Püschner / Zeitenspiegel

Innovation kann aus Krisen, Kriegen und der Konfrontation mit schwierigen Situationen entstehen. Nun stehen die Alpen wie auch der ganze blaue Planet vor ernsten Problemen: Klimawandel, Biodiversitätsverlust, wirtschaftliche und soziale Krisen… Die kollektive Herausforderung, die sich unserer Gesellschaft stellt, besteht darin, im Dienste der nachhaltigen Entwicklung eine neue Beziehung zur Innovation zu knüpfen.
In seiner Einleitung steckt Patrick Vautrin klar die Diskussionsprämisse ab mit seiner Aussage, dass sich unsere Gesellschaft den Luxus nicht leisten kann, diese grossen Herausforderungen einfach zu ignorieren. Wie aus einer Vielzahl von internationalen Berichten über Umweltfragen hervorgeht, übersteigen die Kosten der Untätigkeit die Kosten der notwendigen Massnahmen. Eine Abschiebung der Umweltproblematik auf die zukünftigen Generationen, wobei das Argument der Kosten der Schadensreduktion ins Feld geführt wird, geht wohl oder übel mit Kosten im Bereich des zukünftigen Wachstums und Wohlstands einher. Unsere Denkansätze und Entwicklungsmodelle aus der Vergangenheit reichen leider nicht aus, um geeignete Lösungen zu finden. An innovativem Denken führt kein Weg vorbei. Selbstverständlich führen Wirtschaftsunternehmen ständig Neuerungen ein. Doch um die Entwicklung in einen Vorteil zu Gunsten der Nachhaltigkeit umzuwandeln, müssen sich auch andere Kreise der Gesellschaft in diesen Innovationsprozess einbringen.

Alpenwoche nach der Suche einer neuen Innovationsstrategie
In diesem Zusammenhang bot die Alpenwoche den Volks- und Vereinsvertretern, Verwaltern von Schutzgebieten, WissenschaftlerInnen, Bergsportfreunden, ExpertInnen und Projektleitern von Gebietskörperschaften und staatlichen Körperschaften die Möglichkeit, sich gemeinsam mit dem Thema "Innovation" im Kontext der Alpen zu befassen. Es mag sein, dass die Diskussion nach Ansicht einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht im "üblichen" Rahmen stattfand, da beispielsweise nicht der Schutz der Lebensräume und der Artenvielfalt im Mittelpunkt der Debatte stand. Die Akteure der nachhaltigen Entwicklung, die an der Veranstaltung teilnahmen, widmeten sich vielmehr einer komplexen Sozialanalyse aktueller Problematiken, die auch die Alpen betreffen, mit dem Ziel, politische Vorschläge zu formulieren und als sozialer und philosophischer Think Tank zu agieren. In diesem Reflexionsprozess forderten die Co-Organisatoren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf, die Alpen einerseits als Innovationsinhalt zu betrachten, im Sinne von "Innovation IN den Alpen". Andererseits wurden die Alpen mit mehr Nachdruck und Verbindlichkeit in Bezug auf den Prozess der Nachhaltigkeit als eigenständigen Innovationsgegenstand behandelt, im Sinne von "Innovation DER Alpen". Auf dieser Grundlage suchten die anwesenden Vereinigungen und Institutionen nach einer gemeinsamen Definition einer Innovationsstrategie, die der nachhaltigen Entwicklung förderlich ist. Sie legten den aktuellen Stand der Dinge fest und diskutierten über Antworten auf die vordringlichen Fragen und Probleme. Im Laufe des Symposiums wurde immer klarer, dass ein lokaler und monosektorieller Blickwinkel nicht ausreicht, um die Probleme zu lösen, die sich für die Zukunft abzeichnen.

Die Innovation von morgen, ein Bruch mit der "schöpferischen" Zerstörung der Alpen
Jean Corneloup nahm die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung mit auf eine Reise durch verschiedene Gesellschaftsformen und deren Auffassung von Innovation. Von der traditionellen Gesellschaft, die der Überlieferung von Traditionen mehr Bedeutung beimass als Neuerungen, gingen wir zur modernen Gesellschaft über, deren Innovation sich durch technologischen Fortschritt, Arbeitsorganisation und soziale Arbeits- und Lebensbedingungen auszeichnete. Die postindustrielle Gesellschaft oder auch post- und hypermoderne Gesellschaft, die sich in den 70er- und 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelte, propagierte in der Folge das Credo der totalen und permanenten Innovation, um die individualistischen Bedürfnisse einer Gesellschaft, die sich in ständiger Bewegung befindet, gleichzeitig zu stimulieren und zu befriedigen. Die Konsumgesellschaft - ein Erbe der oben geschilderten Moderne - muss unablässig durch Neuheiten genährt werden, damit ihre Konsumdynamik und das bestehende Wirtschaftssystem aufrechterhalten bleiben. Innovation - im Sinne von Technologie und Marketing - gilt als Säule des wirtschaftlichen Wachstums.
Aus diesem Blickwinkel betrachtet haben Innovationen unserer Gesellschaft und Umwelt selbstverständlich nicht nur Vorteile gebracht. Wir müssen heute feststellen, dass auch in den Bergregionen zu viele Innovationen Probleme für die kommenden Generationen schufen: das Wettrüsten, einige technologische Entdeckungen, die industrielle Entwicklung, die individuelle motorisierte Mobilität, die intensive Tourismusindustrie in den Alpen, u.s.w. Anhand des Beispiels der Osterinsel hat Wolfgang Zängl aufgezeigt, wie Innovationen - in diesem Falle kulturellen und religiösen Ursprungs - dazu führen können, dass ganze Völker sich selbst zerstören. Heute lebt die Menschheit wie eingeschlossen auf einer grossen Osterinsel, dem Planeten Erde, und verursacht im Namen der Wirtschaft einen Prozess, der sich auf Innovationen stützt und in Bezug auf das Überleben des Planeten irreversible Folgen zu haben scheint.
Anstelle all dieser Innovationen zum Zwecke der kurzfristigen persönlichen Entfaltung muss unsere Gesellschaft lernen, innovative Lösungen zu finden im Sinne eines kollektiven Überlebens und der Gesundheit unseres Planeten. Der Schlüssel könnte in der sich neu herausbildenden Gesellschaft liegen, die Jean Corneloup als "transmodern" bezeichnet. Diese Gesellschaft steht vor einer globalen Wirtschafts- und Umweltkrise. Um diese Probleme zu bewältigen, muss ein neues Modell gefunden werden, welches das Innovationskonzept nicht mehr auf Technologien und Marketingstrategien reduziert, die im Dienste des Kapitalismus stehen. Das neue Modell, das auf sozialer und territorialer Solidarität basiert, muss damit aufhören, aus den Innovationen von heute die Probleme von morgen zu machen.

Die Alpen, ein Innovationslabor?
Während der ganzen Alpenwoche haben Beispiele von Innovationen der Vergangenheit und der Gegenwart aufgezeigt, dass die Alpenregion das Potential besitzt, eine echtes Innovationslabor zu sein, das sich an nachhaltiger Entwicklung orientiert. Doch damit dies möglich wird, haben die ReferentInnen und TeilnehmerInnen der Veranstaltung auf die grossen Bremsklötze aufmerksam gemacht, die es zu beseitigen gilt.
In den Alpen wurden oft Innovationen vorgeschlagen, ohne den Kontext in Betracht zu ziehen, in dem diese Ideen umgesetzt werden sollen. Wie soll es dann möglich sein, diese Vorschläge vertretbar aufrechtzuerhalten? Andererseits darf auch nicht vergessen werden, dass die mangelnde demokratische Kultur sowie die Konzentration der Macht in eher konservativen Kreisen und die allgegenwärtigen starken Privatinteressen neuen, oft unkonventionellen Ideen das Leben schwer machen. Folglich ist es von entscheidender Bedeutung, die sozialen und politischen Handlungsstrategien zu erneuern, neue Beziehungen innerhalb und mit der Gesellschaft aufzubauen und unter Berücksichtigung der Diversität in einen qualitativ hochwertigen Entscheidungsfindungsprozess zu investieren. Der Braindrain und die Abwanderung junger Menschen in städtische Zentren wirft ebenfalls Fragen in Bezug auf die zukünftige Innovationsfähigkeit der peripheren Regionen der Alpen auf.
Zu diesen lokalen Hindernissen kommen noch Rahmenbedingungen hinzu (finanzielle Anreize, gesetzliche Massnahmen, öffentliche Einrichtungen, technische und politische Unterstützung…), welche das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung noch nicht ausreichend als "Standard" in den Prozess einbeziehen.
Es gibt bereits Lösungsansätze, sie verlangen nur danach, besser kennen gelernt, ausgebaut und verbreitet zu werden. Und genau darin besteht das Ziel der Alpennetzwerke, der Co-Organisatoren der Alpenwoche, die sich bemühen, solche Strategien mit den anlässlich der Alpenwoche vorgestellten und auf den folgenden Seiten des vorliegenden CIPRA Infos aufgeführten Beispielen zu fördern. Dieser Ansatz steht auch im Mittelpunkt des Projekts der CIPRA "Zukunft in den Alpen" sowie ihres Buchs "Wir Alpen!", welche beide während der Alpenwoche mehrmals zitiert wurden.
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