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Zurück in die Zukunft!

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Heute genügt kein weisser Streifen mehr: das Angebot für den Wintertourismus muss mit nachhaltigen Innovationen bereicht werden, denn nur solche können in der Zeit des Klimawandels Erfolg bringen. Gesellschaft für ökologische Forschung

"Innovation ist ein hervorragendes Mittel, um die Probleme zu lösen, die wir nicht gehabt hätten, wenn es zuvor keine Innovationen gegeben hätte." Mit diesen Worten leitete Claude Eckhardt vom Club Arc Alpin die zweite Veranstaltung der Alpenwoche ein, die sich mit Innovationen der Vergangenheit befasste.
Er umschrieb so ein französisches Sprichwort und fasste mit ironischer Prägnanz die Komplexität des behandelten Themas zusammen. Innovation ist eine dem Menschen vorbehaltene "Ehre", die dazu dient, die menschlichen Lebensbedingungen zu verbessern. Wie es jede Ehre mit sich bringt, ist auch diese mit einer grossen Verantwortung verbunden. Der Verantwortung, zu verstehen, wann und wie eine Rückkehr vollzogen werden soll, wenn einmal feststeht, dass gewisse Innovationen schädlich oder nutzlos sind. Demzufolge ist es unumgänglich, die Mechanismen und Folgen der Innovationen der Vergangenheit zu verstehen. Dabei besteht das Ziel darin, in die Zukunft zu blicken, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen und die gleichen Fehler zu vermeiden.
Eine Innovation unterscheidet sich von einer Erfindung oder einer kreativen Idee. Um den Namen der Innovation für sich beanspruchen zu dürfen, müssen sich die zwei Letzteren nämlich am Kontext messen und folglich in einen Prozess eintreten, der unter der Mitwirkung mehrerer Subjekte zum Ziel hat, die früheren Lebensbedingungen zu verbessern. In einer Gegenüberstellung von "früher" und "heute" haben die ReferentInnen der zweiten Alpenwoche Innovationen vorgestellt, die mit dem Tourismus, den Schutzgebieten, der Industrialisierung und der Viehzucht in den Alpen in Verbindung stehen.

Neue Wege für den Wintertourismus
Seit den 1960er-Jahren hat der Wintertourismus mit dem Skisport und all seinen Folgen die Bergwelt geprägt. Oft waren die Auswirkungen positiv, wenn die wirtschaftliche Entwicklung betrachtet wird, und negativ, wenn der Landmissbrauch als Beurteilungskriterium berücksichtigt wird. Die Skisportpraktik als Innovation im eigentlichen Sinne sowie sämtliche damit verbundenen, technischen Innovationen (künstliche Beschneiung, Liftanlagen, Lawinenschutz) haben nach wie vor bedeutende Auswirkungen auf die Umwelt.
Früher: Man setzte auf die Ressource Schnee und den Skisport und investierte in gross angelegte Infrastrukturen, ohne die Folgen in Betracht zu ziehen, die diese Entwicklung auf die Umwelt, die ortsansässige Bevölkerung oder die Touristen selbst haben könnte.
Heute: Dessen eingedenk und im Bewusstsein der schädlichen Folgen, die diese einseitige Nutzung der Berge für die Umwelt hat, müsste man versuchen - und zum Teil beginnt man auch schon damit - auf sämtliche Fragen einzugehen und den neuen Bedürfnissen Rechnung zu tragen, die vom Bedürfnis nach unberührter Natur und Landschaft bis zum Bedürfnis nach Wohlbefinden, Kultur, Identität und kultureller Eigenheit reichen, wobei all diesen Bedürfnissen die ständige Suche nach Emotionen gemeinsam ist.
Folglich wird heute die Differenzierung des Angebots zum neuen Ziel, zur grossen innovativen Herausforderung, auf die die Tourismusbetreiber setzen müssen. Gleichzeitig müssen sich die alpinen Berg- und Talregionen ihre Geschichte und ihre Kultur wieder zu eigen machen, die Schönheit ihrer Region (Weiden, Wälder, Berggipfel, u.s.w.) als Vermögenswert betrachten und folglich die natürlichen Ressourcen anders nutzen. Innovation bedeutet auch, verloren gegangene Werte der Vergangenheit wieder ausfindig zu machen, ohne sich in einem kontraproduktiven, nostalgischen Lokalpatriotismus zu verschliessen, sondern sich auf gesunde Weise anderen Realitäten und neuen, innovativen Modellen zu öffnen, die in der Lage sind, die Region nachhaltig zu entwickeln und ihr zu Wachstum zu verhelfen.

Schutzgebiete - Stichwort "zuhören"
In Bezug auf die Schutzgebiete sprachen die ReferentInnen nicht von technologischen Innovationen, sondern vielmehr von gesetzlichen Innovationen und Neuerungen in Bezug auf die Beteiligungen. Früher: Gemäss der französischen Gesetzgebung über Nationalparks aus dem Jahr 1960 stellte der Nationalpark einen geschützten Kern umgeben von einer sehr vagen, nicht klar definierten peripheren Zone dar, wo die Menschen die Möglichkeit hatten, soziale, kulturelle und wirtschaftliche Aktivitäten gemäss einer kompensatorischen Logik auszuüben.
Heute: Im französischen Gesetz von 2006 wurde diese Definition massgeblich geändert. Der Nationalpark stellt eine Einheit dar, die sich aus einem zentralen Kern und einer Beteiligungs- und Unterstützungszone zusammensetzt. Die Gemeinden der Region können unter Einbezug der Bevölkerung aus freien Stücken entscheiden, ob sie an einem regionalen Projekt teilnehmen und mit dem Park auf der Grundlage eines 15jährigen, erneuerbaren Vertrags zusammenarbeiten wollen.
Nicht nur der Inhalt, sondern auch die Modalitäten, die diesem Gesetz zugrunde liegen, sind innovativ. Das Gesetz ist das Resultat von Beobachtungen einer Initiative des Nationalparks Ecrins, die 1996 ins Leben gerufen wurde und eine Partnerschaft dieser Art zwischen dem Park und den Gemeinden vorsah. Folglich handelt es sich nicht mehr um ein Gesetz, das von oben oktroyiert wird, sondern vielmehr darum, dass die Beobachtungen der Abläufe und Gegebenheiten des Gebiets zu einer für alle gültigen Reglementierung führen.
Früher: Die Schaffung von Schutzgebieten war ein auferlegter Akt, der in den meisten Fällen unabdingbar war, um wertvolle Gebiete vor den Auswüchsen der Bauvorhaben in Skistationen, vor einer Verstädterung, u.s.w. zu bewahren.
Heute: Damit nach der Schaffung eines Parks langfristiger Erfolg möglich ist, ist ein Identifikationsprozess seitens der ortsansässigen Bevölkerung erforderlich, die im Schutzgebiet eine wichtige Entwicklungsressource sehen muss.


Zwei "gegensätzliche" Welten: Industrie und Viehzucht
Zahlreiche Autoren beschrieben die Alpenwelt als "Hindernis für die Industrialisierung" (Bätzing), als "einen für Veränderungen unzugänglichen Raum" (Zurfluh), der "nicht in der Lage ist, die Herausforderungen der Industrialisierung anzunehmen" (Bergier) und "der Auflösung seiner Territorialität und der Gesamtheit der sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen unterliegt, die bis Mitte des 19. Jahrhunderts deren Dynamik prägten" (Raffestin, Crivelli).
Die Vergleichsstudie über die industrielle Entwicklung der Kantone Wallis und Tessin sowie des Veltlins, die im Schlussteil der Tagung vorgestellt wurde, zeigte auf - auch wenn die oben ausgeführten Behauptungen nicht samt und sonders zurückgewiesen wurden - wie in diesen Gebieten eine industrielle Entwicklung möglich war, die das Gleichgewicht und die sozialen Beziehung nicht völlig aus dem Lot gebracht hat. Dies war aus dem Grunde möglich, weil die industriellen Aktivitäten auf den lokalen Ressourcen (Wasser und Bergwerke insbesondere im Wallis) und den traditionellen Aktivitäten der Region gründeten (Kunsthandwerk, Landwirtschaft, Weinbau im Veltlin und im Tessin).
Im Gegensatz dazu ist die Viehzucht in der Vorstellung vieler noch immer eine unveränderte und unveränderliche Idylle. Ihre tausendjährige Geschichte würde die Behauptung bestätigen, dass die Alpen "eine für Veränderungen unzugängliche Welt" sind. Doch ist die Viehzucht alles andere als verschlossen gegenüber Innovationen gewesen. Ganz im Gegenteil hat sie, wenn auch auf sanftere und weniger laute Art, von ihnen insbesondere in den vergangenen 40 Jahren in nicht geringem Masse profitiert. Die gesetzlichen Neuerungen ab den 70er-Jahren machten es der Viehzucht möglich, sich weiterzuentwickeln und sich Zugang zur heutigen Welt zu verschaffen, und durch die technologischen Innovationen (elektrische Zäune, Melkmaschinen, u.s.w.) konnte die Betriebsführung verbessert und die Produktion erhöht werden, da dem Menschen die körperliche Arbeit erleichtert wurde.
Bei einer Gegenüberstellung dieser alpinen Realitäten zeigen diese beiden gegensätzlichen Welten auf, dass die Alpen in Bezug auf die Produktivität weder früher noch heute mit dem Flachland konkurrieren können. Doch können und müssen sie eine bessere Qualität sowohl ihrer Produkte, als auch ihres Produktionsprozesses gewährleisten, indem sie in verantwortungsbewusste, gebietsspezifische Innovationen investieren und die der Bergwelt eigenen Charakteristiken in Wert setzen, allen voran die lokalen natürlichen und menschlichen Ressourcen.