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Warme und kalte Betten in den italienischen Alpen

St. Moritz – Blick durch das Fenster

Die Gewohnheiten der meist aus Städten stammenden ZweitwohnungsbesitzerInnen bleiben oft auch im Urlaub gleich. Manche Bergsportorte verwandeln sich deshalb in Luxusurlaubsorte, die allen Bedürfnissen entsprechen. Die meisten Gäste bleiben aber nur in der Hochsaison... © Frank Schultze/Zeitenspiegel

Zweitwohnungen sind der tragende Pfeiler des Tourismussektors in den italienischen Alpen, zumal sie zusammen mit den Mietwohnungen rund 75% der gesamten Aufnahmekapazität ausmachen.
Zweitwohnungen spielen für die Wirtschaft vieler Bergsportorte eine weit geringere Rolle als ihre Zahl es vorgeben könnte. Dies liegt daran, dass viele der Zweitwohnungen während eines Grossteils des Jahres nicht genutzt werden, aber zugleich viel Boden verbrauchen und das Gesamtbild des Bergsportortes beeinträchtigen.
Viele ZweitwohnungsbesitzerInnen entwickeln sich immer mehr zu sogenannten «Habitués». Sie pflegen während ihres Urlaubs dieselben Gewohnheiten und denselben Freundeskreis wie in den Städten, aus denen sie stammen, und schliessen durch ihr Verhalten die «echten» Touristen aus, die sich somit oft wie «Fremde im Hause anderer» fühlen.

Verbreitung der Zweitwohnungen in Italien
Im Gegensatz zu Frankreich, wo der gesamte Alpenraum mit den Auswirkungen des Zweitwohnungsbaus zu kämpfen hat, ist in Italien, ähnlich wie in der Schweiz, nicht der ganze Alpenraum in gleichem Masse vom Phänomen des Zweitwohnungsbaus betroffen. Der Zweitwohnungsbau betrifft vorwiegend die Westalpen – insbesondere die Provinzen Turin und Cuneo, das Aostatal und die Bergamasker Alpen – und in geringerem Masse und weniger homogen die Ostalpen. Dort sind vor allem einige Urlaubsorte im Trentino, in der Nähe von Mailand und Brescia (Madonna di Campiglio) oder im westlichen Veneto (Folgarìa), in der Umgebung von Cortina d’Ampezzo oder in der Provinz Vicenza (Hochebene von Asiago) betroffen. In Südtirol hingegen hat der Zweitwohnungsbau mit einigen wenigen Ausnahmen (etwa Meran, Welschnofen und Castelrotto) kaum Einzug gehalten, und auch im Friaul ist er nicht sehr verbreitet (mit Ausnahme des Wintersportorts Piancavallo). Bei Betrachtung dieser Fakten lässt sich also feststellen, dass eine positive Korrelation zwischen der Anzahl Zweitwohnungen und der Nähe zu Grossstadträumen besteht – eine Gegebenheit, die übrigens auch in anderen Ländern zu finden ist (beispielsweise Garmisch in Bezug auf München, Davos in Bezug auf Zürich und Adelboden in Bezug auf Bern).
Die im folgenden Abschnitt präsentierten Analysen beziehen sich auf den gesamten italienischen Alpenraum, der hier allerdings etwas anders festgelegt wurde, als dies gemäss der Alpenkonvention bzw. Bätzing (2005) der Fall ist. Zu den untersuchten Gemeinden zählen demzufolge hier nicht nur Winter- und Sommerurlaubsorte in den Bergen, sondern auch Binnenseezentren, Zentren im Mittelgebirge, am Fusse einer Bergkette, oder im Hügelland liegende Zentren. Die in Folge angegebenen Zahlen zu Zweitwohnungen und deren Aufnahmekapazität basieren auf statistischen Daten der Volkszählungen aus den Jahren 1981, 1991 und 2001, die unter Anwendung einiger zusätzlicher Parameter persönlich ausgewertet und interpretiert wurden.

Gemeinden mit dem höchsten Zuwachs von Zweitwohnungen
Rechnet man zur Zahl der Zweitwohnungen in den italienischen Alpen nicht nur jene Wohnungen, die ausschliesslich von den EigentümerInnen benutzt wurden, sondern auch jene, die mehr oder weniger regelmässig vermietet wurden, so kann man für das Jahr 1981 von 516’000 Zweitwohnungen mit einer geschätzten Aufnahmekapazität von 2’680’000 Betten ausgehen. Aus einer provisorischen Projektion, die sich nur auf die Gemeinden der Ligurischen Alpen, des Piemonts und des Aostatals bezieht (in denen eine Konzentration von 40% der Zweitwohnungen festzustellen ist) geht hervor, dass die Zahl der Zweitwohnungen in den italienischen Alpen von 1981 bis 2001 um 14,3% zunahm und sich heute auf 590’000 Einheiten beläuft. Diese Tatsache, die selbst die Entwicklung in den französischen Alpen übertrifft, in denen sich die Zahl der Zweitwohnungen und Mietwohnungen im Jahr 1999 auf rund 410’000 Einheiten belief, müssen zu denken geben.
Die Tabelle zeigt eine Statistik, aus der die italienischen Alpengemeinden mit der höchsten Anzahl an Zweitwohnungen hervorgehen. Gut 10 der 15 gelisteten Gemeinden liegen in den Westalpen. An erster Stelle stehen zwei Gemeinden des Piemonts: Bardonecchia liegt mit 7’400 Zweitwohnungen seit vierzig Jahren unangefochten an der Spitze, Frabosa Sottana bringt es Dank der Ski-Total Stationen von Prato Nevoso (ein klassisches Beispiel schlechter Raumplanung ohne Weitblick) und Artesina auf 6’400 Einheiten. An dritter und vierter Stelle finden sich zwei Gemeinden der Lombardei, der Wintersportort L’Aprica, gelegen auf dem gleichnamigen Pass zwischen den Provinzen Sondrio und Brescia, und Castione della Presolana, eine nicht allzu hoch liegende Gemeinde, die insbesondere von Sommerurlaubern besucht wird. Neben diesen Orten übersteigt die Zahl der Zweitwohnungen auch in Limone Piemonte, welches in den sechziger und siebziger Jahren völlig zubetoniert wurde, den Schwellenwert von 6’000.
Unter den 15 Gemeinden finden sich vor allem grosse Skisportorte wie Cortina d’Ampezzo, Valtournenche (mit Breuil-Cervinia) und Pinzolo (mit Madonna di Campiglio). Doch sind auch Orte darunter, die sich vorwiegend auf den Sommertourismus konzentrieren wie zum Beispiel Castione. Auch Gallio, Roana und Asiago profitieren vom Sommertourismus, werden aber auch zum Langlaufen besucht. Letztere drei Gemeinden, die durch eine «extensive» Bauweise auffallen, dürften mit insgesamt 13'400 Zweitwohnungen und 75'000 Betten in punkto Intensität Rekordhalter im ganzen Alpenbogen sein.

Grosses Ungleichgewicht
Aufschluss über die touristische Entwicklung gibt auch ein Vergleich zwischen Zweitwohnungen (mit einer geschätzten Anzahl an Betten) und der Wohnbevölkerung, sowie zwischen der Aufnahmekapazität der Zweitwohnungen und der Anzahl an Hotelbetten.
Im italienischen Alpenraum weisen vor allem die Gemeinden Frabosa Sottana, Sauze d’Oulx Sestriere und Limone ein besonders grosses Ungleichgewicht zwischen Bevölkerung und Zweitwohnungsbetten auf. Nicht ganz so frappant ist das Ungleichgewicht in Cortina und Asiago. In Gallio kommen auf ein Hotelbett unglaubliche 116 Betten in Zweitwohnungen, auch in Frabosa (1:43), Castione (1:42), Roana und Limone sind die Verhältnisse auffallend. In Pinzòlo bzw. Cortina ist die Situation mit 1:4,6 bzw. 1:5,4 Betten am ausgewogensten.
Ebenso bemerkenswert ist, dass im Zeitraum von 1981 bis 2001 in den 15 angeführten Gemeinden der Zuwachs an Zweitwohnungen viel stärker (im Durchschnitt plus 30,4%) war als im gesamten italienischen Alpenraum. Die höchsten Zuwachsraten wurden hierbei in Ponte di Legno (plus 79%), Asiago und Gallio (plus 64% bzw. 73%) und L’Aprica (66%) verzeichnet.
In Pinzolo ist der Anstieg an Zweitwohnungen derzeit gut beobachtbar: der Trog der Hauptstadt und die enge Talsohle von Madonna di Campiglio werden sukzessive verbaut. Auch in Bardonecchia und Castione della Presolana bietet sich ein ähnliches Bild, wohingegen in Limone und Sauze d’Oulx gewissenhafter gehandelt wird, allerdings unter anderem deswegen, da dort der Sättigungsgrad fast erreicht ist. Ergänzend zu den grossen Wintersportorten kann auch in kleineren Gemeinden ein unglaublicher Zuwachs festgestellt werden, in Sauze di Cesana bei Sestriere etwa liegt dieser bei plus 207%!
Selbst kleinere Ortschaften, die für ihren umweltverträglichen baulichen Rahmen bekannt sind, konnten sich dieser Entwicklung nicht entziehen. In Champorcher ist der Zweitwohnungsbau zwischen 1981 und 2001 um 176% gestiegen, in Rhêmes Notre Dame, welches fast nur in der Sommersaison besucht wird, um 183%. Ein noch stärkerer Zuwachs kann schliesslich in einigen Dörfern an der äusseren Spitze des Ponente Ligure, beispielsweise in Airole (+535%) und Olivetta (+265%), festgestellt werden. Auf sie haben es Touristen aus der Schweiz, Deutschland und Skandinavien bei ihren Immobilienkäufen seit Jahren abgesehen. Auch in der Gemeinde Badia hat sich die Zahl der Zweitwohnungen verdreifacht.
Sogar in Gemeinden mit geringer touristischer Ausrichtung oder in Gemeinden, die von diesem Phänomen unberührt schienen, ist ein starker Zuwachs an Zweitwohnungen zu verzeichnen. Das offensichtlich vorherrschende touristische Entwicklungsmodell, in dem der Bau und Kauf von Zweitwohnungen oft als reine Immobilieninvestition angelegt ist, nimmt bedenkliche Ausmasse an.

Geeignete Massnahmen gesucht
Bei Betrachtung der Lage entsteht der Eindruck, dass in den italienischen Alpen nicht allzu viel unternommen wird, um den Zuwachs an Zweitwohnungen zu stoppen. In manchen Ortschaften scheint der Zuwachs an Zweitwohnungen nur deswegen zu stagniert, da der Sättigungsgrad durch die Bebauungstätigkeiten der vergangenen Jahre erreicht wurde oder die betreffende Ortschaft für Touristen nicht mehr so attraktiv ist. Konkrete Massnahmen, um den Bau neuer Wohnungen einzudämmen, werden kaum getroffen.
Dabei könnte dieser Entwicklung Einhalt geboten werden, etwa durch lokale politische Massnahmen, die darauf abzielen, Nicht-Ortsansässigen den Kauf einer Liegenschaft zu erschweren, oder durch die Förderung eines neuen Bewusstseins, das der einheimischen Bevölkerung den kulturellen Wert ihres Lebensraumes und ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Heimat näherbringt.
Südtirol geht hier beispielhaft voran. Hier ist die Anzahl an Zweitwohnungen sehr begrenzt (10’500 auf einer Fläche von 7’400 km2), was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die lokale Bevölkerung es nicht gerne sieht, wenn Immobilien an Nicht-Ansässige verkauft werden. Auch erlaubt der Flächennutzungsplan auf Gemeindeebene die Erweiterungsbebauung nur für geförderte Bauten lokal Ansässiger oder für Bauten, die zu Handels-, touristischen oder handwerklichen Zwecken benutzt werden. Um mittel- und langfristig schwerwiegende wirtschaftliche, soziale und Umweltfolgen abzuwenden, sollte dem ungezügelten Verkauf von Häusern und Flächen Einhalt geboten werden, sonst drohen Flächenabnutzung und -verschwendung, eine Beeinträchtigung des Ortsbildes sowie ein Identitätsverlust.

Literatur:
Bartaletti, F. (1989): Demographic Changes and Socio-Economic Features of Italian Alpine Resorts with a high Intensity of Second Homes. In: Klagenfurter Geographische Schriften, S.19-24.
Bartaletti, F. (1994) Bardonecchia, une grande station déchue face aux nouveaux essors du ski alpin. In: Studi e Ricerche di Geografia, Genova, S. 17-32.
Bartaletti, F. (1994) Le grandi stazioni turistiche nello sviluppo delle Alpi italiane, Bologna, Pàtron.
Bartaletti, F. (1997) Il problema della saturazione turistica nelle Alpi italiane: un approccio geografico. In: F. Citarella (Herausg.), Turismo e diffusione territoriale dello sviluppo sostenibile, Napoli, Loffredo. S. 221-232.
Bartaletti, F. (2004) Adelboden. Una grande stazione alpina fra tradizione e modernità. In: Studi e Ricerche di Geografia, Genova, S. 199-251.
Bartaletti, F. (2004) Geografia e cultura delle Alpi, Milan, FrancoAngeli
Bätzing, W. (2005) Le Alpi. Una regione unica al centro dell’Europa, Torino, Bollati-Boringhieri.