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Ein Macher setzt auf Schafe und vernetzt Menschen - Im Portrait: Josef Schett

Josef Schett

Josef Schett, 46, ist Bergbauer und Unternehmer – sowie Ex-Bürgermeister – im Osttiroler Villgratental, einem «Seiten-Seitental», wie es der kritische Villgrater Volkskundler und Publizist Johannes E. Trojer einmal genannt hat. © Villgrater Natur

Der Bergbauer und Unternehmer Josef Schett hat im Osttiroler Villgratental vor 20 Jahren ganz aufs heimische Schaf gesetzt. Im Seitental werden hochwertige Matratzen und Dämmstoffe hergestellt, Fleisch und Käse für die gehobene Gastronomie produziert.
Herr Schett, der Bergbauernhof auf 1550 Metern, von dem Sie stammen, wo sie leben, im hinteren Villgratental in Osttirol, ist 500 Jahre alt. Ihr Vater hatte Rinder, war ein guter Züchter. Sie haben vor gut 20 Jahren alles umgestellt, ganz aufs Schaf gesetzt. Wieso?
Weil es mit den Rindern kein Auskommen mehr war. Milchseen, Butter- und Fleischberge, das waren die Stichworte in den 1980er Jahren. Ich machte deshalb eine Banklehre. Aber dachte mir: Das kanns nicht sein. Meine Vorfahren sind seit 700 Jahren da im Tal, haben zu schlechteren Zeiten leben müssen wie wir. Dann sah ich mir den österreichischen Markt an: mehr als 300'000 Lämmer werden importiert und fast der ganze Schafskäse. Und zuhause hatten wir ausgedehnte steile Almflächen, die sich ja für Schafe besser eignen als für Rindviecher. Ich war in ganz Europa herum, um Alternativen zu suchen. Es gab erst wenige damals. Im Tal fand ich drei Bauern, die mitmachten, einer war gelernter Metzger. 1985 gründete ich "Villgrater Natur" und wir begannen.

In einem abgelegenen Tal mit bescheidenem Tourismus, die Verbraucher weit weg...
Durch Zufall entdeckte ich, dass ein Wirtschafts-Professor ein Patenschaftsmodell ausgeschrieben hatte. Da machte ich mit. Die Studenten sollten in der freien Wildbahn schnuppern. Ich war der Exot: der Bergbauer, der seine Produkte selbst verarbeiten und vermarkten will. Wir erhielten durch die Diplomarbeit die wichtigen Grundlagendaten. Und Kontakte zur Gastronomie. Und die Presse schrieb schon fleissig: Wir waren bekannt, bevor wir Produkte am Markt hatten. Als erste in Österreich entwickelten wir ein Marketingkonzept für Lammfleisch- und Schafkäsevermarktung. Ich besuchte Käsereikurse in der Schweiz. Aber dann kam in unserem ersten Sommer, 1986, das Reaktorunglück in Tschernobyl. Wir hatten zwar bei uns eine Woche keinen Regen, keine erhöhte Radioaktivität, aber das half nicht. Die Hysterie war zu gross. Wir assen den Käse selbst. Und experimentierten damit.

Das war offenbar kein Grund zum Aufhören. Wo war die Marktnische? Sie haben ja mit Milch und Fleisch angefangen - davon gab es schon Seen und Berge, wenn auch von Rindern.
Die gehobene Gastronomie, für die produzieren wir immer noch viel. Mit dem Gannerhof gibt es ein Zwei-Hauben-Lokal in Villgraten. Und an Privatkunden verkaufen wir, Stammgäste. Das Osttiroler Berglamm wurde zur Marke. Wir haben zwei Rassen gekreuzt zur Fleischverbesserung, das Steinschaf und das Braune Bergschaf, das ich selbst züchte. Damals gabs einen Aufschrei. Heute werden von uns 700 bis 800 Schafe im Jahr geschlachtet, an die 1'000 weiterverkauft, alle aus dem Tal oder einem Umkreis von 20 Kilometern. Osttirol ist der schafreichste Bezirk Österreichs, mit 20'000 Schafen von 350'000 in Österreich. Wir arbeiten mit einer Metzgerei mit zwei Filialen in Osttirol zusammen. Es gibt eine Schiene mit der Hipp-Babynahrung mit unserem Fleisch. Wir können den Bauern etwa 20 Prozent mehr zahlen als die Supermarktketten mit ihrem Preisdiktat. Zwei Ketten nehmen unsere spezielle Lammwurst ab.

Wann und wieso haben Sie mit Wollverarbeitung in Ihrem Betrieb begonnen?
Am Anfang bescheiden. Wolle war nichts mehr Wert. Die Industrie verlangt feingekräuselte weisse Wolle. Die melierte unserer gekreuzten Rassen oder des braunen Bergschafs ist nicht gefragt. Ich überlegte, wo könnte man Wolle noch einsetzen? Und bemerkte, dass man früher in den Häusern hinter den Holztäfelungen mit Wolle ausstopfte. Zum Dämmen. Heute verarbeiten wir 100 Tonnen Rohwolle, die über die Schafzuchtverbände gesammelt wird. Unser Ziel ist es, die gesamte österreichische Schafwolle von jährlich 300 Tonnen zu verarbeiten. Wir hätten die Kapazität. Wir müssen nur noch mehr die Botschaft hinausbringen: Im hinteren Villgraten gibt es jemand, der aus Schafwolle Produkte herstellt.

Sie haben die Dämmstoffproduktion in ein eigenes Unternehmen ausgegliedert...
Die Firma Woolin wurde 2003 gegründet. Und als Partner ist Gernot Langes-Swarovski bei uns mit 49 Prozent eingestiegen. Ich hab 51. Mit Woolin und dem Know-How von Langes-Swarovski wollen wir auf den internationalen Baustoffmarkt, in das gehobene Wohnsegment. Das Dämmvlies ist hochwertig. Dient als Trittschallschutz für Böden. Zur Dämmung von Trennwänden. Ist auch ein biologischer Schadstoff-Filter.
Für den Vertrieb haben wir regionale Partner in der Baubranche: Zimmereibetriebe, Tischler oder Bodenleger für die Trittschall-Dämmbahnen. Der hauptsächliche Markt für die Dämmprodukte ist Österreich, Norditalien, die Schweiz. Wir kooperierten aber auch mit Produzenten von Fertigteilhäusern in Polen.

Es gibt ein Netzwerk mit regionalen Produkten. Der Verein heisst "Natur aus Osttirol". Was hat es damit auf sich?
Wir kooperieren sehr eng im Bezirk. Seit zehn Jahren gibt es "Natur aus Osttirol". Dem gehören zwölf Firmen an, auch die Osttirol-Werbung. Metzger, Bäcker, ein Schnapsproduzent, ein Fleisch verarbeitender Betrieb, Hersteller von Marmelade und Latschenkieferöl, die Osttiroler Molkerei und wir als Villgrater Natur sind da vereint. Es gibt das Osttirol-Kistl als Geschenksidee, mit unseren Produkten.

Wie sieht die Kooperation mit dem Gannerhof in Innervillgraten aus, laut diversen Gourmet-Zeitschriften eines der bedeutenden Restaurants in Österreich?
Die Kooperation ist sehr wichtig. Nicht nur, weil das Hauben-Lokal bekannt ist für seine Rezepte aus Osttiroler Berglamm. Der "Gannerhof" hat auch mehrere Häuser mit Gästezimmer im traditionellen Stil aus heimischem Holz. Lampen und Beschläge stammen vom heimischen Schmied. Die Dämmstoffe bestehen aus Woolin-Schafschurwolle, Matratzen. Polster, Decken aus der bei uns verarbeiteten Schafwolle. Viele Hausgäste kaufen diese Produkte bei uns. Der Gannerhof wirbt dafür und erhält Provision. Und mich freut sehr, dass in vielen Wohnungen im Tal unsere Matratzen liegen.

Sie erweitern gerade den Betrieb mit einem Zubau. Mit welchem Ziel?
Wir wollen unseren Bauernladen vergrössern, in dem auch 30 Bäuerinnen ihre Produkte verkaufen. Im 1. Stock werden wir unsere Produkte zum Essen anbieten. Ziel ist es, von acht Beschäftigten auf 15 zu erhöhen. Die Schneiderei, mit der wir zusammenarbeiten, und die Bauern auf den Höfen eingerechnet, leben jetzt schon an die 15 davon. An die 50 Bauern in der Region liefern Fleisch zu. Tausend sind es, wenn man den Wollzukauf in ganz Österreich dazu zählt.

Was ist für Sie vor allem nachhaltig an Ihrer Tätigkeit?
Mir war es immer ein Anliegen, dass die Wertschöpfung im Tal bleibt, sie ins Tal zu bringen, um hier überleben zu können. Um für die nächste Generation etwas aufzubauen. Die Entvölkerung unserer Täler kann ja nicht das Ziel sein.
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