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Grossschutzgebiete im touristischen Trend

Stambecchi

In Italien erfährt gemäss dem kürzlich veröffentlichten Ecotour-Bericht der Naturnahe Tourismus ein starkes Wachstum. Naturpark Alpi Marittime. © CIPRA Italien

Grossschutzgebiete und Pärke im Alpenraum stehen vor der Herausforderung, ihren Schutzauftrag zu erfüllen und zugleich einen Beitrag zur nachhaltigen Regionalentwicklung zu leisten.
Red. Je nachdem, ob es sich um Nationalparke, Biosphärenreservate, Naturparke oder andere Schutzgebietskategorien handelt, kommt dem Schutzauftrag eine grössere oder weniger grosse Bedeutung zu. Aber überall erhalten Tourismus- und Erholungsaspekte eine steigende Bedeutung. Betrachtet man Regionen wie das Briançonnais mit dem Parc des Ecrins, das Aostatal mit dem Parco Nazionale Gran Paradiso, Südtirol und die Steiermark mit ihren Naturparken oder die Zentralschweiz mit der UNESCO-Biosphäre Entlebuch so wird deutlich, dass grossflächige alpine Schutzgebiet vielerorts längst eine touristische Hauptattraktion geworden sind.

Respekt und Profit
Doch findet in den Grossschutzgebieten tatsächlich ein verträgliches Nebeneinander von Naturschutz und Tourismus statt? Wie steht es um die Forderungen mancher Tourismuslobbyisten, in Grossschutzgebieten neue Bergbahnen und andere Infrastrukturen zu bauen? Was hat die zunehmende Beliebtheit des Outdoorsports für Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt der Pärke, zum Beispiel auf das empfindliche Auerwild? Wie steht es um den motorisierten Anreiseverkehr, der in einigen Grossschutzgebieten zu wahren Autolawinen führt?
Auf der anderen Seite hilft der Erfolg des naturnahen Tourismus mit, dass Schutzgebietsstrategien bei der lokalen Bevölkerung auf zunehmende Zustimmung stossen. So führte die Teilrevision (Novellierung) des Natur- und Heimatschutzgesetzes in der Schweiz zu einer Vielzahl von lokal verankerten Initiativen, die in gegen 30 Schweizer Regionen die Schaffung von neuen Natur- und Landschaftspärken vorantreiben. Über den Tourismus hinaus profilieren sich Grossschutzgebiete zunehmend als wichtige Faktoren einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Insbesondere in ländlich-peripheren Regionen sind diese in wichtigen Projekten wie regionale Leitbildentwicklung und Regionalmarketing engagiert.
Naturnaher Tourismus ist eine Tourismusform, welche die Natur und die Landschaft des Ferienortes schont sowie dessen lokale Kultur und Wirtschaft fördert. Diese Kurzformel umschreibt eine verantwortungsvolle Feriengestaltung in Naturgebieten und in naturnahen Kulturlandschaften. Ein solcher Tourismus soll sich aus den regionalen Bedürfnissen heraus und über die Mitbestimmung der Beteiligten entwickeln. Natur, Landschaft und Umwelt, die sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Gegebenheiten sollen dabei geachtet und nachhaltig geschützt, gefördert und finanziert werden. Als nachhaltige Aktivität hat der naturnahe Tourismus zur konsequenten Förderung der Grossschutzgebiete beizutragen.

Schutzgebiet als eigenständiges touristisches Produkt
Eine naturnahe Tourismusentwicklung in Grossschutzgebieten bedingt gute gesetzliche Grundlagen auf nationaler bzw. regionaler Ebene und darauf abgestützte verbindliche Leitbilder und Managementkonzepte mit präzisen Umsetzungsstrategien und -massnahmen, die mit den regionalen Schutz- und Entwicklungszielen koordiniert werden. Ausserdem sind längerfristige personelle und finanzielle Ressourcen unabdingbar für die strategische und praktische Leitung des Parkmanagements, für die Öffentlichkeitsarbeit in der Region, für die Gästebetreuung in Form von Information, Besucherlenkung und Umweltbildung sowie für die Qualitätssicherung.
Eine integrative Managementphilosophie begreift den Park einerseits in seinen Natur- und Landschaftswerten, andererseits als Element und Chance einer nachhaltigen Regionalentwicklung. Kooperationen mit den regionalen Akteuren aus Gemeinden, Tourismus, Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz usw. sind deshalb von grosser Bedeutung.
Innerhalb der touristischen Strategie einer Region muss ein Schutzgebiet als eigenständiges Produkt mit hochwertigen Dienstleistungsketten in die jeweilige touristische Destination integriert werden. Dies bedingt ein professionelles Marketing, welches die Erkenntnisse des Attraktions- und Erlebnismanagements in natur- und landschaftsverträglicher Form berücksichtigt.

Biotop-, Prozess- und Artenschutz als Kernaufgabe
Das Aufgabenspektrum der Schutzgebietsverwaltungen hat sich in den letzten Jahren in Richtung einer sektorenübergreifenden Regionalentwicklung verbreitert. Dabei kommt auch touristischen Fragen eine steigende Bedeutung zu. Diese Multifunktionalität kann von den Schutzgebieten erst dann wahrgenommen werden, wenn durch ausreichenden politischen Willen und entsprechende rechtliche Vorgaben deren Kernaufgabe - der Biotop-, Prozess- und Artenschutz - sichergestellt ist.
Als wichtigste Rahmenbedingungen für den Schutzgebietstourismus kristallisieren sich darüber hinaus eine adäquate finanzielle Ausstattung sowie ein positives Umfeld für den naturnahen Tourismus heraus. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind, kann der naturnahe Tourismus in Grossschutzgebieten in Zukunft eine positive Wirkung haben, nicht nur zum Wohl der Erholungssuchenden, sondern auch als wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Faktor für die Park- und Schutzgebietsregionen.

Buchhinweis
Ingo Mose (ed.). Protected Areas and Regional Development in Europe. Towards a New Model for the 21st Century. 250 pages. Ashgate Publishing Limited. London.
Bei der Gründung der europäischen Grosschutzgebiete stand die Erhaltung schöner Landschaften und bedrohter Arten im Zentrum, so dass sie anschliessend als Mittel zum Schutz ganzer Ökosysteme dienten. Die menschliche Nutzung war stark eingeschränkt. In letzter Zeit gewinnen Grosschutzgebiete über den Naturschutz hinaus für die Regionalentwicklung an Bedeutung, insbesondere in Randregionen mit schwerwiegenden ökonomischen und soziokulturellen Problemen. Im Unterschied zu früherer Grosschutzgebietspolitik, verschmelzen in neueren Ansätzen Schutz- und Entwicklungsfunktionen, so dass Naturschutzgebiete zu "aktiven Landschaften" werden und Land- und Forstwirtschaft, Handwerk, Tourismus und Bildung in den Erhaltungs- und Nachhaltigkeitsaspekt integriert werde. Einen Überblick über die aktuelle Diskussion bezüglich der Beziehung zwischen Grosschutzgebieten und Regionalentwicklungspolitik auf theoretischer und praktischer Ebene gibt das Buch "Protected Areas and Regional Development in Europe. Towards a New Model for the 21st Century". Es vergleicht die unterschiedlichen Konzepte, Strategien und Instrumente, illustriert anhand zahlreicher Fallbeispiele aus Europa. Schliesslich weist es auf die innovativsten und erfolgreichsten Wege hin, um Schutzgebiete zu erhalten und für eine nachhaltige Regionalentwicklung zu nutzen.