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Steiniger Weg zum nachhaltigen Alpentourismus

Steiniger Weg

Wohin geht die Reise im Alpentourismus? «Immer schneller, immer weiter...» oder führt der Weg hin zu mehr Nachhaltigkeit? © Guillaume Laget

Die Anforderungen der Nachhaltigkeit gehören beim heutigen Alpentourismus noch nicht zum Alltag. Zwar gibt es zahlreiche Modelle und Best Practice Beispiele, doch bis zu einem flächendeckenden Ansatz für Nachhaltigkeit ist es noch ein weiter Weg.
Red. "The Alps - the playground of Europe" nannten die Reisenden des 19. Jahrhunderts eines ihrer begehrtesten Reiseziele. Sie bezogen sich dabei auf den Titel der berühmten Monographie des englischen Alpinisten Leslie Stephen. Mehr als ein Jahrhundert später haben sich die europäischen Alpen von der Geburtsstätte des modernen Reisens zur intensiven Fremdenverkehrsregion entwickelt. Mit über 100 Millionen Besuchern im Jahr liegt die touristische Wertschöpfung bei jährlich rund 50 Milliarden Euro. Doch trotz solch immenser touristischer Kennzahlen darf nicht übersehen werden, dass nur jede zehnte der 6'000 Gemeinden in den Alpen eine intensive Nutzung für den Fremdenverkehr kennt. Der weitaus grösste Teil der Alpenregionen besitzt einen wenig intensiven bis gar keinen Tourismus.

Die landschaftlichen Perlen behüten statt übernutzen
Die Alpen bilden einen der landschaftlich attraktivsten Grossräume in Europa. Die Schönheiten reichen von den vergletscherten Viertausendern der Westalpen bis zu den beschaulichen vor- und randalpinen Seen in Bayern und in der Schweiz; von den letzten unverbauten Flusslandschaften der Ostalpen bis zu den alten Ackerterrassen und historischen Bewässerungssystemen im Südtirol, Piemont und Wallis, von den hochgelegenen Streusiedlungen der Walser in den Zentralalpen bis zu den historischen Alpenstädten in Norditalien. Solche und andere Perlen gilt es zu erhalten, denn sie bilden heute und in Zukunft die Basis für einen ökonomisch erfolgreichen Alpentourismus.
In ihrer punktuellen touristischen Übernutzung sind die Alpen zum Negativbeispiel für eine umweltzerstörerische und nicht nachhaltige Entwicklung geworden. Rund fünf Millionen Gästebetten mit ansehnlichen Anteilen in der Parahotellerie, über 10'000 Luftseilbahnen, Sessellifte und Skilifte, Tausende Kilometer Autobahnen, Schnellstrassen, sowie Flugplätze, Schneekanonen, Golfplätze, Funparks und vieles andere mehr sind Ausdruck dieser negativen Entwicklung. Und trotz stagnierender Nachfrage im Skitourismus ist weiterhin der Aus- und Neubau einer grossen Zahl von Skigebieten geplant.

Alpentourismus mit wirtschaftlichen Problemen
Diese Dimensionen können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Alpentourismus - regional unterschiedlich stark - mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. So sind die Touristiker heute mit einer markanten Veränderung bei den Nachfragetrends und beim Gästeverhalten und mit der Konkurrenz neuer Destinationen konfrontiert.
Jüngere Zielgruppen halten nach trendigen Sportangeboten Ausschau und zappen zwischen Sport-Klassikern wie Snowboarden oder Mountainbiken und Nischenangeboten wie z.B. Eisfallklettern, Downhill, Riverrafting oder Canyoning hin und her. Vermehrt breiten sich auch lärmintensive Motorsportarten aus, vom geländegängigen Quad bis zur touristischen Gebirgsfliegerei. Viele dieser neuen Angebote sind nicht alpenspezifisch und werden auch von vielen anderen Tourismusdestinationen angeboten. So buchen Konsumentinnen und Konsumenten heute ihre Ferien in Kenya oder in Brasilien mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie früher die Hohen Tauern oder die Seealpen für einen Wanderurlaub ausgewählt wurden.
Die wachsende Konkurrenz im internationalen Tourismus macht vielen Anbietern zunehmend zu schaffen. Besonders in ländlichen Urlaubsorten und abgelegenen Talschaften sorgt man sich über die sinkende Bettenauslastung, während die Zuwachsraten fast nur noch in den stark frequentierten touristischen Hochburgen anfallen. Die Folge sind oftmals Betriebsschliessungen, verbunden mit einem Verlust an lokalen Arbeitsmöglichkeiten, wodurch die Zahl der Pendler zunimmt und sich der Trend zur Abwanderung weiter verstärkt.

Naturnaher Tourismus: Gegentrend, nicht bloss Nische
Jeder Trend besitzt auch einen Gegentrend. In den Alpen kommt dies in der steigenden Nachfrage nach Angeboten des naturnahen Tourismus zum Ausdruck. Naturnahe und landschaftsorientierte Sport- und Freizeitaktivitäten wie Wandern, Trekking, Winterwandern, Radfahren, Mountainbiken, Bergsteigen, Skitouren und Klettern tragen vielerorts sichtbar zum lokalen Tourismus bei. Gemäss neueren Studien besitzt der naturnahe Tourismus in einigen Alpenländern ein Potenzial von bis zu einem Drittel der Gäste. Obwohl der naturnahe Tourismus überwiegend Individualgäste anspricht, entstehen in jüngster Zeit in allen Alpenländern zahlreiche neue Firmen, welche sich auf Outdoor-Angebote spezialisieren. Ob sich in den Alpen künftig eine Entwicklung wie in den USA einstellen wird, wird sich weisen. Dort wächst der Öko-Reisemarkt dreimal mehr als konventionelle Reisen, er wird auf 77 Milliarden US-Dollar geschätzt.
Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in den urbanisierten Zentrumsregionen der Alpen. In vielen Regionen, die in der Nähe grosser inner- und ausseralpiner Städte wie Wien, München, Zürich, Grenoble, Turin und Mailand liegen, gewinnt auch der Tagestourismus zunehmend grössere Anteile und die Zahl der Übernachtungsgäste geht kontinuierlich zurück. Daneben erleben wir auch eine wachsende Bedeutung der Nah- und Nächsterholung als eine spezifische und immer wichtiger werdende Form des alpinen Tourismus. Dabei gilt: je kürzer die Aufenthaltsdauer, desto mehr Verkehr. Wo diese Entwicklung nicht durch verbesserte ÖPNV-Angebote aufgefangen wird, erhöht sich die Belastung aus dem motorisierten Individualverkehr und bedroht die Qualität der alpinen Lebensräume.

Vorgeschmack des Klimawandels
Extreme Topographie, Klimagegensätze und sensible Ökosysteme prägen den Charakter der alpinen Landschaft. Diese Besonderheiten sind der Grund dafür, dass die Folgen des Klimawandels in den Alpen rascher und direkter sichtbar werden als anderswo. Für den Alpentourismus resultiert aus der Klimaerwärmung eine neuartige Problemlage. Skigebiete in tiefen Lagen spüren bereits heute die Auswirkungen der saisonal stark schwankenden Schneegrenze. Wenn die Wintertemperaturen während eines längeren Zeitraums zu hoch liegen, helfen auch die in den vergangenen Jahrzehnten in grosser Zahl erstellten künstlichen Beschneiungsanlagen nicht mehr weiter. Auf der Suche nach Auswegen prüfen derzeit eine Reihe Bergbahnunternehmen die Erschliessung von neuen, heute noch schneesicheren Berggipfeln und Geländekammern für den Skisport.
Ein Vorgeschmack dessen, was der Alpentourismus in Zukunft möglicherweise erwartet, illustriert das Beispiel des Hitzesommers im Jahr 2003. Wenn diese Phänomene zum alpinen Normalfall werden, schmelzen die Gletscher noch stärker zurück als bisher und verlieren ihre touristische Attraktivität. Die Permafrostböden tauen auf und erhöhen das Risiko von Naturgefahren, tückische neue Gefahren in Fels und Eis erhöhen das Risiko beim Bergwandern und Bergsteigen. Gemäss neueren Forschungsresultaten wird die weitere Klimaerwärmung dazu führen, dass die BewohnerInnen und Gäste der Alpen inskünftig noch mehr als bisher mit extremen Naturereignissen wie Starkniederschlägen, Lawinen, Murgängen und Windstürmen zu kämpfen haben werden.

Mehr Umsatz im Sommertourismus
Oft wird jedoch vergessen, dass der grössere Teil der touristischen Aktivitäten in den Alpen in der warmen Jahreszeit stattfinden. Die zahlreichen Skigebiete sind zwar ein wichtiger wirtschaftlicher Motor vieler Tourismusorte und viele der hochgelegenen Destinationen in den zentralen Alpen legen ihren Schwerpunkt auf schneeabhängigen Angeboten. Dennoch ist es keineswegs so, dass der Alpentourismus einzig und allein vom Schnee und von der kalten Jahreszeit abhängig wäre. Im Gegenteil, der Sommertourismus realisiert einen wesentlich höheren Gesamtumsatz als der Wintertourismus. Diesen Umstand gilt es zu bedenken, wenn wir über die Zukunft des Tourismus in den Alpen nachdenken.

Nachhaltiger Tourismus mit der Alpenkonvention
Mit der Alpenkonvention beabsichtigen die Alpenstaaten, gemeinsame Leitbilder für eine nachhaltige Tourismusentwicklung im Alpenraum zu konkretisieren und gemeinsam umzusetzen. Ein existentieller Zielbereich für die Zukunft der Alpen ist die Raumordnung. Damit können dem Massentourismus in seinen überbordenden Formen sinnvolle Grenzen aufgezeigt werden, etwa mit der Festlegung naturräumlicher Entwicklungsgrenzen im Skisport oder durch die Festsetzung der Grösse und Qualität von Siedlungsflächen. In gleichem Sinne zielt die Alpenkonvention auf die Einführung von Ruhezonen ab, um neben den touristischen Schwerpunktgebieten ausreichende Kompensationsräume für Menschen, Tiere und Ökosysteme zu erhalten. Solche raumordnerischen Strategien sollen aus Sicht der Alpenkonvention begleitet werden durch verbesserte Ausbildungen für Tourismusverantwortliche und vermehrte Sensibilisierung und Umweltbildung bei den Gästen.
In touristischer Hinsicht verfolgt die Alpenkonvention zweierlei grundsätzliche Zielrichtungen: Einerseits soll der Intensivtourismus, der die Existenzgrundlage vieler Alpenregionen darstellt, umwelt- und sozialverträglicher gestaltet werden. Andererseits zielt die Alpenkonvention auf die Förderung des naturnahen, ländlichen Tourismus. Diese beiden grundsätzlichen Zielrichtungen schliessen sich zwar nicht aus, bedürfen jedoch je spezifischer Strategien und Massnahmen.

Internationale Konzerne versus kleinförmige Strukturen
Gegenwärtig sind Bestrebungen im Gang, grosse und rentable Bergbahnunternehmen in verschiedenen Alpenländern unter dem Dach eines internationalen Konzerns zusammenzufassen. Was für einige Branchenleader im Skitourismus vielleicht ein gangbarer Weg sein kann, bietet kein taugliches Rezept für eine zukunftsfähige Tourismusbranche in den Alpen. Die Besonderheit der alpinen Fremdenverkehrswirtschaft besteht gerade in ihrem kleinstrukturierten Mosaik von Hotels, Gasthäusern, Bergbahnen und Kleinanbietern. In dieser kleinförmigen betrieblichen Struktur liegt einerseits eine Stärke des Alpentourismus, weil dadurch nicht einfach gegen, sondern mit der ansässigen Bevölkerung geplant und gearbeitet werden muss.
Andererseits bilden solche Strukturen in einer sich globalisierenden Wirtschaft aber auch eine Schwäche, mit den typischen Problemen des Kleingewerbes. Hierzu gehören beispielsweise fehlende Investitionsmöglichkeiten für dringend nötige Erneuerungen, geringe Innovationsfähigkeit zur Entwicklung neuer Angebote, mangelnde Dienstleistungsqualität und unzureichendes Marketing. Dies alles sind Schwächen, die im Rahmen der Förderung einer nachhaltigen Regionalentwicklung angegangen werden müssen. Wird die Alpenkonvention in Zukunft von den touristischen Keyplayern als Chance verstanden, können daraus tatsächlich neue Werkzeuge entstehen, welche mithelfen, die gegenwärtigen Schwächen des Tourismus abzubauen und gleichzeitig dessen Stärken weiterzuentwickeln. Hierzu braucht es aber das Bewusstsein aller am Tourismus Beteiligten, dass eine intakte und attraktive Alpenlandschaft auch in Zukunft die wichtigste Ressource des alpinen Fremdenverkehrs darstellt.