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CIPRA Jahresfachtagung 2009

Wachstum auf Teufel komm raus?

CIPRA Jahresfachtagung, 17.-19.09.2009, Gamprin/FL

Neue Ideen für lebenswerte Alpen im postfossilen Zeitalter

Die diesjährige Jahresfachtagung der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA zum Thema Wachstum hat von Donnerstag, 17. September, bis Samstag, 19. September, zahlreiche Interessierte nach Gamprin/FL gelockt. Einig war man sich, dass das Wachstum endlich ist wegen der begrenzten Ressourcen. Der Ideen und Forderungen, wie dem unabdingbaren Schrumpfungsprozess zu begegnen ist, sind viele. Die CIPRA hat die dringlichsten in einem Thesenkatalog zusammengefasst.

Zehn Thesen und Forderungen zur CIPRA Jahresfachtagung 2009

Neue Ideen für Zufriedenheit, Auskommen und Glück

Das einfache Rezept, Wohlstand und Lebensqualität durch wirtschaftliches Wachstum realisieren zu wollen, stösst zunehmend an Grenzen. Klimaproblematik und Peak Oil sind zwei prominente Beispiele dafür. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise erhöht die Dringlichkeit für neues Denken und Handeln und öffnet ein Handlungsfenster, das genutzt werden muss. Ein Zurück auf die alten Geleise und ein blosses Mehr vom Bisherigen haben keine Zukunft, ökonomisch nicht und ökologisch nicht. Um dem Wachstumszwang zu entkommen braucht es neue Ideen für Zufriedenheit, Auskommen und Lebensqualität. Dies gilt auch für die Alpen.

Die Alpen als Profiteure und als Opfer des Wachstums

Zweifellos haben Orte und Regionen in den Alpen vom herkömmlichen Wachstum profitiert. Ausser Zweifel steht aber auch: (1) Dass allzuoft die unmittelbaren wirt­schaftlichen Erträge einer Wachstumsstrategie überschätzt und die Kosten (z.B. für die Infrastrukturen) systematisch unterschätzt werden. Diese aber fallen im Alpen­raum besonders ins Gewicht. (2) Dass die wirtschaftlichen Ungleichgewichte im Alpenraum während der zurückliegenden Wachstumsphase zugenommen haben. Und (3) dass die Alpen als sensible Ökosysteme vom ökologischen Wandel besonders tangiert werden, mit schwerwiegenden Folgen für ihre Wirtschaft und ihr gesell­schaftliches und kulturelles Leben. Kleine Korrekturen und Modifikationen am bis­herigen Wachstumsmodell genügen nicht. Es geht um tiefgreifende Umorientierungen; eine kontrollierte Rücknahme des Wachstums in den westlichen Industrieländern ist dabei unabdingbar.

  1. Gegen den Wachstumszwang
    Der wirtschaftliche Wachstumszwang ist der Kern der Lissabon-Strategie der EU und nach wie vor die Grundlage der Regionalpolitik in den Alpen. Danach soll die Zukunft der Berggebiete mit Hilfe von Wachstumsimpulsen für die wirtschaftlichen Zentren der Alpen gesichert werden. Eine solche Wirtschafts- und Regionalpolitik, die auf dem steigenden Verbrauch von natürlichen Ressourcen basiert und die weitere Zerstörung der Landschaft in Kauf nimmt, ist kein Beitrag zur Lösung der Zukunftsfrage, sondern Teil des Problems. Gefordert wird eine grundsätzliche Neuorientierung der Wirtschaftspolitik, wobei ökologische Steuerreformen und eine neue Klimapolitik zentrale Elemente darstellen.
  2. Regionale Wirtschaftskreisläufe statt Wachstumszwang
    Die die Wirtschaftspolitik insgesamt bedarf auch die Regionalpolitik einer Neuorientierung, welche die Förderung der regionalen Wirtschaftskreisläufe ins Zentrum stellt und dabei die Qualität der Nachhaltigkeit vor wirtschaftliche Quantität setzt. Im regionalen Kontext fällt es leichter, Dienste, die heute geldwirtschaftlich erbracht werden, durch nichtmonetäre Dienste oder Nachbarschaftshilfe zu ersetzen (Bsp: Zeittauschbörsen für Kranken- und Altenpflege). In einer regionalen Wirtschaft werden werden die Wege kurz gehalten und die Produktionen bedarfsgerecht und nachfrageorientiert gestaltet. Schliesslich kann die Wiederentdeckung des Regionalen engere Kontakte, Freund- und Nachbarschaften stärken und damit materiellen Konsum zurückdrängen zugunsten mitmenschlicher Beziehungen. Eine neue Wirtschafts- und Regionalpolitik der EU und der Alpenstaaten sollte die Förderung der regionalen Wirtschaftskreisläufe und nichtmonetären Wirtschaftsformen ins Zentrum stellen.
  3. Aktive Raumordnungspolitik statt Raumverwaltung
    Die Raumentwicklung ist in vielen Regionen der Alpen durch starke Zersiedlung und wenig effiziente, unökologische Nutzungen gekennzeichnet. Die Raumplanung beschränkt sich heute – wenn überhaupt – auf die Koordination und Verwaltung von dauernd wachsenden Raumansprüchen unterschiedlicher Interessengruppen. Gefordert ist demgegenüber eine eingreifende Raumordnungspolitik, welche für einen haushalterischen Umgang mit den immer knapper werdenden Lebens- und Wirtschaftsräumen in den Alpen sorgt. Dazu gehören die konsequente Verdichtung der Siedlungsstrukturen, die klare Trennung von Bau- und Nicht-Baugebieten und der Stopp bei Neuerschliessungen durch den Tourismus in der offenen Landschaft. Im Rahmen der alpinen Raumordnungspolitik sind für schrumpfende Regionen positiv besetzte Visionen zu entwickeln, welche Wohlfahrt und Glück statt Wachstum ins Zentrum stellen. Der Abbau von Überkapazitäten und der Rückbau von Infrastrukturen dürfen kein Tabu mehr sein.
  4. Trendumkehr beim Natur- und Landschaftsverbrauch
    Obwohl Natur und Landschaft die knappste Ressource und das wichtigste Kapital der Alpenregionen darstellen, werden sie mit der Nutzung durch Tourismus, Verkehr, Siedlungen, Landwirtschaft und Industrie immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Die Biodiversität nimmt stark ab. Die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise muss  Anlass für eine Trendwende sein. Um diese herbeizuführen, bedarf es einer konsequenten Sensibilisierung der Bevölkerung. Dabei sind die Alpenstaaten und Gebietskörperschaften gefordert, den Natur- und Landschaftsschutz deutliche zu stärken. Darauf aufbauend und unter Einbezug der Bevölkerung müssen grossflächige Schutzgebiete aufgebaut, gepflegt und miteinander vernetzt werden.
  5. Schrumpfen statt Wachstum beim fossilen Energieverbrauch
    Trotz der erneuerbaren Energie Wasserkraft und grossen Potenzialen bei den neuen erneuerbaren Energien Holz, Sonne, Wind und Geothermie fussen Wirtschaft und Gesellschaft in den Alpen weiterhin auf dem wachsenden Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Statt wachsen muss unser Energieverbrauch aber zukünftig schrumpfen. Leitorientierung ist hierbei die Vision der «2000-Watt-Gesellschaft». Die Neuorientierung in der Energiepolitik hat anzusetzen bei der Energieeffizienz (z.B. systematische Durchsetzung des Passivhaus-Standards für Neubauten und bei Renovationen) und bei der Förderung erneuerbarer Energien. Die Neuorientierung der Energiepolitik in der EU und in den Alpenländern hat unter weitestgehender Wahrung der sensiblen Landschaften und Ökosysteme der Alpen zu geschehen. Neu- und Umbauten müssen strengsten Standards genügen. Atomkraftwerke sind keine Zukunftsoption.
  6. Förderung der intelligenten Mobilität
    Der inneralpine Ziel-/Quellverkehr, der Tourismusverkehr und der Transitverkehr nehmen in den Alpen weiterhin stark zu mit den bekannten negativen Auswirkungen auf Lebensqualität und Klima. Für die dringend notwendige Trendumkehr bedarf es einer massiven Verteuerung des Strassenverkehrs in allen Bereichen und einer konsequenten Förderung des Bus- ,Schienen- und Langsamverkehrs. Die neuen Formen der sanften Mobilität müssen erprobt und so rasch als möglich grossflächig umgesetzt werden. Die EU und die Alpenstaaten werden aufgefordert, in ihrer Verkehrspolitik dem öffentlichen Verkehr Priorität einnzuräumen. Der Transitverkehr ist weitgehend über die Schiene abzuwickeln. Der Freizeit- und Tourismusverkehr muss auf Bahn und Bus verlagert werden. Wo diese weiterhin notwendig sind, sollen Autos mit alternativen Antriebs- und Leitsystemen verkehren.
  7. Landwirtschaftliche Qualitätsprodukte, Pflege der Kulturlandschaft und Biodiversität
    Die Landwirtschaft und die Bergland- bzw. die Almwirtschaft besitzt für die Zukunft der Alpen weiterhin eine wichtige Funktion. Dies einerseits über die Herstellung von hochwertigen regionalen Qualitätsprodukten, andererseits mit der Pflege und Aufwertung der alpinen Landschaft. Die EU die Alpenstaaten und die Regionen müssen die Förderung einer ausgewogenen und ökologischen Nutzung ins Zentrum ihrer künftigen Landwirtschaftspolitik stellen. Damit stärken sie nicht nur die regionalen Wertschöpfungsketten, sondern leisten auch einen Beitrag zur Erhaltung der Biodiversität in den Berggebieten.
  8. Qualität statt Quantität im Tourismus
    Der weiterhin wachstumsorientierte Alpentourismus basiert auf einer nicht nach­haltigen Nutzung der Ressourcen. Im Zentrum stehen der motorisierte Individual­verkehr, die Energieverschwendung beim Betrieb von Ferienwohnungen und Hotels und der oftmals wenig sensible Umgang mit der Landschaft. In den meisten Fällen geht Quantität weiterhin vor Qualität. Die Umorientierung hin zu einer Nachhaltigkeit, die nicht bloss eine Marketingetikette darstellt, ist heute die vordringlichste Aufgabe dieser grössten Branche vieler Alpenregionen. Unerlässlich sind hierbei Anreize seitens der Energie-, Verkehrs- und Raumordnungspolitik, der Politik der regionalen Kreisläufe und des Landschaftsschutzes. Die EU und die Alpenstaaten sind aufgefordert, Nachhaltigkeitskriterien in die touristischen Förderpolitiken zu integrieren und mit ökologischen Lenkungsabgaben die umwelt-, natur- und landschaftsverträglichen touristischen Formen konsequent zu begünstigen.
  9. Aktive «Alpenaussenpolitik»
    Zufriedenheit, Auskommen und Glück im Alpenraum hängen stark von Eigeninitiative ab. Dieses muss aber unterstützt werden durch zukunftsorientierte Rahmenbedingungen und Politiken auf nationaler Ebene, in der EU und im globalen Massstab. Engagement für den Alpenraum heisst daher auch, sich – im Sinne einer «Alpenaussenpolitik» – auf allen diesen Ebenen aktiv für zukunftsgerichtete Weichenstellungen in zentralen Politikfeldern einzusetzen, z.B. in den Bereichen Geld- und Finanzmärkte, globaler Handel, Energie und Klima, Verkehr, Landwirtschaft, Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechte. Die Alpenstaaten werden aufgefordert, ihre entwicklungspolitischen Anstrengungen zu verstärken und Partnerschaften zwischen den Alpen und anderen Bergregionen der Welt zu initiieren und zu fördern.
  10. Alpenkonvention als Beitrag zur „Global Governance“
    Zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung in den Alpen haben die Alpenländer und die EU vor bald 20 Jahren die Alpenkonvention ins Leben gerufen. Bis heute konnte damit aber nicht verhindert werden, dass die Zerstörung der Naturressourcen in den Alpen  weiterhin zunimmt. Der künftige Beitrag der Alpen zu einer „Global Governance“ liegt bei den Alpenstaaten und bei der EU. Sie haben es in der Hand, aus dem Papiertiger Alpenkonvention ein Instrument mit Zähnen zu machen. Die EU und die Alpenstaaten werden aufgefordert, die Alpenkonvention endlich als ein Werkzeug für die ökologische und nachhaltige Entwicklung im Alpenraum ernstzunehmen und dazu griffige Aktionspläne auszuarbeiten und umzusetzen.


CIPRA Jahresfachtagung 2009Gamprin (Liechtenstein), 19. September 2009

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