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Schutzgebiete im Wandel

Die Natur und die natürlichen Ressourcen in den Alpen sind die Grundlage jedweden Lebens und Teil der regionalen Identität. Schutzgebiete, also abgegrenzte Landschaften mit eingeschränkter Nutzung, dienen der Bewahrung der immensen biologischen und landschaftlichen Vielfalt in den Alpen. Immer lauter wird indes die Forderung, sie sollten einen Beitrag an die regionale Wirtschaft leisten. Diese Entwicklung birgt Chancen und Risiken, erhöht einerseits die Akzeptanz und leistet andererseits einer auf Kommerzialisierung ausgerichteten Nutzung Vorschub. Bei der Abwägung zwischen wirtschaftlichen Interessen und Leistungen der Naturräume an die Gesellschaft steht die Natur oft auf der Verliererseite.

Wir schauen, von welchen Veränderungen die vielfältigen Schutzgebiete in den Alpen – von Naturparks über Landschafts- und Pflanzenschutzgebiete bis zu Nationalparks – betroffen sind. Die Alpenkarte stellt, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, bedrohte oder bereits versehrte Schutzgebiete vor. Auch einige wenige Erfolgsgeschichten können wir nennen. Menschen erzählen, was das Schutzgebiet für ihre Region und für sie selbst bedeutet. Wir zeigen, welchen Wert die Menschen den Schutzgebieten beimessen und welche Instrumente es auf internationaler Ebene gibt, um den Schutzstatus gesetzlich zu verankern.

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Verzerrte Sicht auf die Natur

Würde man den Umfragen Glauben schenken, so bestünde kein Anlass zur Sorge: Es gibt in der europäischen Bevölkerung einen breiten Konsens, dass die biologische Vielfalt wichtig ist für unser Wohlbefinden und dass es die Schutzgebiete braucht, um diese zu bewahren. Dies geht aus der aktuellen Eurobarometer-Umfrage zur Biodiversität hervor. Auch der Stellenwert der Naturräume für die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, sauberer Luft und Wasser und damit für die Lebensqualität, wird von mindestens zwei Dritteln der Befragten anerkannt.

Die wenigsten sind gewillt, eine Beeinträchtigung oder Zerstörung von Schutzgebieten in Kauf zu nehmen, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzubringen. Fast die Hälfte findet sogar, solche Eingriffe sollten ganz verboten werden. Rund 40 Prozente der Befragten denken indes, solche Eingriffe sollten gestattet sein, wenn ein öffentliches Interesse besteht. Hier fängt die Crux an: Was bedeutet ein öffentliches Interesse und wer bestimmt das? Dieser Begriff wird je nach Ort und Perspektive anders und teilweise sehr breit ausgelegt, wie unsere Beispiele bedrohter Schutzgebiete in den Alpen zeigen. Argumentiert wird vielerorts mit der notwendigen Verbindung von Skigebieten, um im internationalen Wettrüsten zwischen den Destinationen mitzuhalten. Massive Eingriffe in Naturräume werden oft in Kauf genommen und haben somit Vorrang vor der Schutzfunktion – was aber laut Umfrage eigentlich nur von sieben Prozent befürwortet wird. Wer entscheidet und mit welcher Legitimation, fragt sich da.

Interessant ist auch der Zusammenhang zwischen Naturkatastrophen und der Beurteilung von Umweltthemen: In Jahren mit vielen Umweltkatastrophen messen die Menschen Umweltthemen grössere Bedeutung zu, wie aus der Schweizer Univox-Studie hervorgeht. Dieses Phänomen ist bedingt durch die zunehmende Mediatisierung: Unsere Wahrnehmung wird je länger je mehr durch kurzfristige Ereignisse beeinflusst, weil diese eher von den Medien aufgegriffen werden. Langfristige Ereignisse wie die Veränderung der Landschaft oder der Klimawandel tun sich schwerer, in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu gelangen. Die Univox-Studie bestätigt diesen Trend der Kurzsichtigkeit: Ältere Menschen stören sich mehr an der Ausdehnung der Siedlungsflächen als jüngere; sie nehmen den Wandel der Landschaft eher war, konnten sie ihn doch über viele Jahre oder gar Jahrzehnte mitverfolgen. Den Jüngeren fehlt diese Landschaftserinnerung.

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Wie viel ist ein Wald wert?

Was die Natur für uns Menschen leistet, kann am Beispiel des Waldes sehr gut veranschaulicht werden. Einen ersten Anhaltspunkt liefert der Wert der Ressourcen Holz und Bodenfläche. Doch Wald bietet uns Menschen noch viel mehr: die Fähigkeit des Waldes, unsere Luft und das Wasser zu säubern und Sauerstoff zu produzieren beispielsweise. Dann zählen wir den Lebensraum für Pflanzen und Tiere hinzu und deren Beitrag an die Biodiversität, die unsere Lebensgrundlage ist. Der Wald als Lebensraum für Tiere versorgt uns Menschen mit Nahrung; direkt, wenn wir an das Wildbret denken, und indirekt, indem die Bienen, die am Waldrand leben, unsere Obstbäume bestäuben. Wichtig sind auch Pflanzen und Kräuter, die entdeckt oder noch unentdeckt als Heilmittel dienen. Der Wald kann aber noch mehr: Er schützt uns vor Hochwasser oder vor Lawinen. Und wenn wir abends joggen oder am Wochenende im Wald spazieren, uns an der Schönheit der Landschaft erfreuen und uns erholen, trägt dies zu unserer Gesundheit bei und macht uns glücklich. Die Beantwortung der Frage, was ein Wald wert ist, ist also viel komplexer als anfangs vielleicht gedacht.

Die Einteilung der Natur in Ökosystemleistungen für den Menschen ist ein Konzept, das der Natur und ihren Fähigkeiten einen Wert beimisst. Damit kann das Bewusstsein für den Wert von Naturkapital geschaffen und gestärkt werden, und die Natur kann in politischen, unternehmerischen oder privaten Entscheidungen im Sinne der Nachhaltigkeit zu ihrem eigenen Vorteil einfacher bewertet werden. Für uns Menschen wird dadurch der Wert der Natur greifbarer und wir sind eher bereit, sie zu schützen.

Allerdings birgt diese Bewertung auch Gefahren. Ökosysteme sind nicht abgeschlossene, sondern zusammenhängende Systeme. Daher ist die Übersicht über ihre Ökosystemleistungen nie vollständig, ihr Wert kann nie mit einer absoluten Summe beziffert werden. Beim Abwägen von Naturleistungen gegenüber einer möglichen ökonomischen Nutzung, beispielsweise bei einem Bauvorhaben, kann nie alles berücksichtigt und mit Geld abgegolten werden. Auch wenn uns Menschen gewisse Naturräume vielleicht weniger wertvoll erscheinen, so darf das nicht dazu führen, dass wir sie abwerten.

Quellen und weitere Informationen:

 

Instrumente und Rechtsgrundlagen

Es gibt im Naturschutz völkerrechtlich bindende Verträge zwischen Staaten. Die nationalen Gesetzgebungen kennen weitere Schutzinstrumente. Freiwillige Instrumente gehören rechtlich gesehen zu den schwächsten Schutzmechanismen, sind aber mitunter am besten verankert, weil sie vom Engagement der Menschen getragen werden. Die im Alpenraum wichtigen Gremien und Instrumente haben wir nachfolgende aufgelistet.

Alpenkonvention

Die Alpenkonvention ist ein völkerrechtlicher Vertrag zwischen den Alpenstaaten über den umfassenden Schutz und die nachhaltige Entwicklung der Alpen. Sie enthält mehrere Protokolle, unter anderem zum Bodenschutz, zur Raumplanung und nachhaltige Entwicklung und zu Naturschutz und Landschaftspflege.
www.alpconv.org

Alparc

Alparc ist die Umsetzung- und Koordinationsstelle alpiner Schutzgebiete der Alpenkonvention. www.alparc.org

 

Berner Konvention und Bonner Konvention

Die Berner Konvention, das «Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Pflanzen und Tiere und ihrer natürlichen Lebensräume», ist ein völkerrechtlicher Vertrag des Europarates aus dem Jahr 1979 für den Schutz europäischer wild lebender Tiere und Pflanzen. Gleichzeitig enstand auch die Bonner Konvention zum Schutz und zur Erhaltung wandernder wild lebender Tierarten.
www.coe.int (de/fr/it/en)
www.cms.int (en/fr)

Die Konvention über die biologische Vielfalt der Vereinten Nationen

Das Übereinkommen über die biologische Vielfalt wurde anlässlich der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung (UNCED) in Rio de Janeiro 1992 verabschiedet. Bis heute sind 193 Vertragsstaaten der Konvention beigetreten.
www.cbd.int
(fr/en)

Ramsar Feuchtgebiete

Die Ramsar-Konvention ist ein Übereinkommen zum Schutz von Feuchtgebieten, insbesondere als Lebensraum für Wasser- und Wattvögel. Es ist ein völkerrechtlicher Vertrag, dessen Ausarbeitung von der Unesco angestossen wurde und bindend ist für die Vertragsstaaten.
www.ramsar.org
(en/fr)

Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien

Die Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie ist ein für die EU-Mitgliedstaaten verpflichtender Erlass zum Umweltschutz.
www.fauna-flora-habitatrichtlinie.de/ (de)

Weitere Richtlinien zum Umweltschutz finden sich hier: www.eur-lex.europa.eu

Florenz-Abkommen (Europäisches Landschaftsübereinkommen 2000)

Das Europäische Landschaftsübereinkommen ist ein Übereinkommen des Europarates zum Schutz der Landschaft, dem auch Staaten ausserhalb der EU beitreten können.
www.coe.int/en/web/conventions/full-list/-/conventions/treaty/176 (en)

Netzwerk Smaragd des Europarates

Das Smaragd-Netzwerk ist ein auf der Berner Konvention basierendes Schutzgebietsnetz, das von den Vertragsstaaten der Berner Konvention einzurichten ist, um europaweit seltene und gefährdete Lebensräume und Arten zu schützen. Jeder Staat ist aufgefordert, auf nationaler Ebene genügend Gebiete zu bezeichnen und zu sichern, in denen Smaragd-Arten und Lebensräume erhalten werden.
www.coe.int/smaragd (en/fr)

Natura 2000 der Europäischen Union

Natura 2000 ist ein zusammenhängendes Netz von Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union, das seit 1992 nach den Massgaben der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie errichtet wird.
www.natura2000.eea.europa.eu
www.natura2000.eu

Biogenetische Reservate des Europarates

Ein biogenetisches Reservat ist eine Kategorie des europäischen Naturschutzes. Es handelt sich wie beim Europadiplom um eine Auszeichnung, die Schutzgebieten verliehen wird, die die geforderten Ziele in besonderer Weise verwirklichen helfen. Die Meldung von Gebieten als biogenetisches Reservat erfolgt freiwillig auf Initiative des Mitgliedslands. Sanktionen bei Verstössen sind nicht vorgesehen.

Europadiplom

Das Europäische Diplom für geschützte Gebiete ist eine vom Europarat vergebene Auszeichnung ohne völkerrechtliche Bedeutung.
www.coe.int/en/web/bern-convention/european-diploma-for-protected-areas (en/fr)

IUCN

Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) ist die Weltnaturschutzorganisation der Vereinten Nationen. Unter anderem stellt sie die Rote Liste der gefährdeten Arten zusammen und kategorisiert Schutzgebiete.
www.iucn.org

Unesco-Weltnaturerbe

Das «Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt» ist die Grundlage für die Aufnahme in die Liste der Weltnaturerbestätten. Die Welterbekonvention ist keine Schutzgarantie für ein Weltnaturerbe, solange die Unterzeichnerstaaten dieses nicht in nationales Recht aufnehmen. Damit besitzt die Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) keinerlei Sanktionsmöglichkeiten bei Verstössen. Ausgenommen ist die Streichung von der Welterbeliste, womit das Schutzziel aufgegeben wird.
www.whc.unesco.org/en/about
(en/fr)

Unesco-Biosphärenreservat

Ein Unesco-Biosphärenreservat ist eine Modellregion, in der nachhaltige Entwicklung in ökologischer, ökonomischer und sozialer Hinsicht exemplarisch verwirklicht wird. Der Mensch als Bestandteil der Biosphäre steht im Vordergrund. Wie bei den Weltnaturerben gibt es auch hier keine Verbindlichkeit im völkerrechtlichen Sinn. www.unesco.de/wissenschaft/biosphaerenreservate/biosphaerenreservate-weltnetz.html (de/fr/en)

Nationale Gesetzgebungen

Die nationalen Gesetzgebungen legen fest, wie sie die völkerrechtlich bindenden Verträge umsetzen. Nach einem Beitritt (Ratifikation) zu einem internationalen Umweltabkommen müssen die einzelnen Länder in der Regel ihre nationalen Gesetze den internationalen Anforderungen anpassen. Die nationalen Gesetzgebungen kennen verschiedene weitere Schutzinstrumente.